Blog I Good Travel

Ina im Convento Olhão

Barfuß Balance finden in Olhão

Ich schlüpfe aus meinen Sandalen und stelle sie in das dafür vorgesehene Schuhregal gleich neben der großen Eingangstür des Conveto Olhãos. Als meine nackten Füße die glatten, weiß-blauen Fliesen berühren ist es, als würden sie auf einer anderen Welt, in einer anderen Zeit landen. Meine Sinne schärfen sich und ich betrete den Patio – einen rechteckigen Innenhof, in dessen Mitte ein kleiner Brunnen dezent vor sich hinplätschert. Auf seiner Wasseroberfläche treiben verträumt zwei Blumen, ihre Blütenblätter haben sie dem blauen Himmel entgegengereckt, der zur Hälfte von einem sanft im Wind wehenden Sonnensegel verdeckt wird. Nur wenn ich ganz genau hinhöre, kann ich erahnen, dass sich jenseits der dicken weißen Mauern dieses magischen Ortes, irgendwo da draußen in einer geschäftigeren, heißeren, lauteren Welt, Menschen und Autos tummeln. Doch genauso gut kann ich mir einreden, dass es das Meer ist, das dort rauscht, und die Fischer, die sich von ihrem heutigen Fang erzählen.

Der Convento: Ruheoase in einem geschäftigen Fischerort an der Algarve

Ich bin in Olhão, einer kleinen Stadt im Südosten Portugals. Von hier aus sind die weißen, wilden Atlantikstrände der Algarve nur eine kurze Bootsfahrt entfernt. Davor erstreckt sich der Naturpark Ria Formosa, ein weitläufiges, lagunenartiges Labyrinth aus Sumpfgebieten, Sandbänken, Inseln, Kanälen und Muschelbänken, das im Rhythmus der Gezeiten befahren, bestaunt und nach jahrhundertealter Tradition bewirtschaftet wird. Kein Wunder also, dass fast alle Gassen der hübschen Altstadt, in die sich würfelförmige, weißgetünchte und arabisch anmutende Häuser schmiegen, letztlich am Dreh- und Angelpunkt Olhãos enden: dem Fischmarkt. Es heißt, dass man nirgends sonst in Portugal eine solch große Vielfalt an Meeresschätzen findet.

Patio von oben Convento Olhão
Blick in Patio
Patio Convent Olhão

Dezenter Luxus für maximale Erholung

Mein Zimmer im Convento empfängt mich wie eine wohlige, weißgetünchte Höhle, der honigfarbene Holzfußboden ist angenehm kühl. Während der Hitze des Tages lässt man hier die Fenster geschlossen. Statt einer fauchenden Klimaanlage drehen an der Decke die Rotorblätter eines Ventilators gemächlich ihre Runden, der Effekt erinnert an eine leichte Meeresbrise. Das Licht, das vom Innenhof durch den Türspalt in mein Zimmer fällt, zieht mich wie magisch zurück ins Zentrum des Refugiums. Irgendwo lacht eine warme Frauenstimme, das Echo kreist, wie in einer schläfrigen Choreografie, um die Rundbögen, bevor es als leiser Gruß in den blauen Himmel entschwebt.

Zimmer im Convento Olhão
Badezimmer im ConventoOlhão

Guillaume, der mich heute in Empfang genommen hat, erinnert mit seinem spärlichen Haar und seiner tiefenentspannten Ausstrahlung ein ganz kleines bisschen an einen Mönch. Vor neun Jahren erreichte ihn und seine Frau Antje ein folgenreicher Anruf aus Portugal. „Sie wollten den Convent abreißen – aber jetzt steht er zum Verkauf!“, tönte die aufgeregte Stimme seiner Schwägerin Eleonore vom anderen Ende der Welt, wo das Paar so gerne seinen Urlaub verbrachte. Und dieser Stimme folgten die beiden, die damals als Ingenieur und Lehrerin in Shanghai lebten und arbeiteten. „Gemeinsam mit Eleonore und ihrem Mann Filipe kauften wir das völlig verfallene Gebäude – beziehungsweise das, was davon übrig war. Damals dachten wir noch gar nicht daran, eines Tages ein Bed and Breakfast daraus zu machen. Es war eher eine spontane Rettungsaktion ohne großen Plan“, erzählt Guillaume.

Einst beherbergte der Convento die Mädchen, die in Olhãos Fischkonservenfabriken arbeiteten. Aus den ehemaligen Schlafsälen mit den hohen Decken haben Eleonore und Filipe, die beide Architekt:innen sind, wunderschöne, großzügige Gästezimmer gemacht. Antje und Guillaume wohnen in einem separaten Teil des Hauses und kümmern sich um die Gäste.

Eleonore und Filipe von Convento

Ein Ort, an dem man Blütenblätter fallen hört

In der Küche koche ich mir einen duftenden Kaffee und nehme an dem langen, weiß gestrichenen Holztisch Platz. Um ihn scharen sich 20 elegante Stühle unterschiedlichster Formen, die geduldig auf ihre Gäste zu warten scheinen. Während ich diese Zeilen schreibe, höre ich, wie ein Blütenblatt von einem Sonnenblumenstrauß sanft auf dem Tisch landet: ein kurzer Moment, in dem sich die Ruhe und Besonnenheit dieses Ortes wie in einer Essenz verdichten. Wo sonst hört man Blütenblätter fallen? Auch hier im Gemeinschaftsraum verführen Rundbögen und sanfte Weißtöne meinen Blick dazu, den geschwungenen Formen mit den Augen zu folgen, ohne sich irgendwo zu verfangen oder zu verhaken. Fast hätte ich gar nicht bemerkt, dass hinter mir ein Gast in die Küche gehuscht ist, um sich Tee zu kochen. Keiner stampft, stöckelt oder stolziert hier herum. Es ist, als wolle niemand die alten Mauern und die eigene, neugewonnene Ruhe stören.

gemeinsamer Tisch Convento Olhão
Frühstück im Convento Olhão

Aus der Bibliothek darf sich jede:r Bücher mitnehmen und gerne auch welche dalassen

Ein wenig versteckt befindet sich in einer Ecke eine kleine Bibliothek mit hübschen, samtbezogenen Sesseln. Als ich hier auf einem kleinen Canapé Platz nehme höre ich zarte Jazz-Klänge. Sie scheinen unter dem Bücherregal hervorzukriechen, lassen sich auf dem kleinen Perserteppich zu meinen Füßen nieder und gaukeln mir ein kleines bisschen Bohème vor. Mein Blick tastet die Buchrücken ab, erkennt überwiegend englische, deutsche und französische Titel, bleibt kurz an einem Reiseführer über Portugal hängen und wendet sich dann entschieden ab. Ich will gerade nur hier, an diesem Ort sein – und nicht mit meinen Gedanken schon wieder woandershin schweifen.

Sonnenbaden, ausruhen und erfrischen auf der Dachterrasse

Über eine steinerne Wendeltreppe gelange ich auf die Dachterrasse. Statt glatter Fließen berühren meine Fußsohlen hier raueres, sonnenwarmes Terracotta. Ich bestaune den grandiosen Ausblick über die hübsche Altstadt Olhãos und die Lagunen des Naturparks. Gerade ist Flut, weshalb nur vereinzelt grüne Seegrasspitzen aus dem glitzernden Wasser hervorlugen. Am Horizont erhasche ich einen Blick auf mein Segelboot, das ruhig vor der Insel Culatra vor Anker liegt. Ich lasse meine Beine im kühlen Nass des kleinen Pools baumeln und schließe die Augen. Die Abendsonne wärmt meinen Nacken, der Wind spielt sanft mit meinen Haaren. Scheinbar ist gerade eine Fähre eingelaufen und hat eine große Ladung sonnenverwöhnter, lärmender Strandliebhaber zurück ans Festland gespült. Hungrig, durstig und noch etwas salzig vom Meer erwecken sie nun die kleinen Bars und Restaurants Olhãos zum Leben. Ich entziehe mich den Geräuschen, tauche wieder ab in die parallele Zen-Welt des Patios.

auf der Dachterrasse Convento Olhão
Dachstruktur
Häuserfront
Convento Olhão Dach Portugal
am Pool
Stimmung auf dem Dach in Portugal

Hausgemachtes Frühstück aus frischen Zutaten vom Markt

Am liebsten würde ich das Abendessen ausfallen lassen, um den Kontakt zu diesem Refugium und mir selbst noch nicht zu verlieren. Doch schließlich treibt mich der Hunger doch hinaus in die Gässchen des ehemaligen Fischerdorfes. Auf dem Kopfsteinpflaster schlängle ich mich, nun wieder in Sandalen, etwas ungelenk zu einem winzigen Restaurant in einer Seitengasse. In der Petiscaria gönne ich mir ein paar köstliche Kleinigkeiten und beobachte anschließend das bunte Treiben rund um die Markthallen. Früher als geplant betrete ich wieder den Convento. In der nun in schummriges Licht getauchten Bibliothek lasse ich den Abend ruhig ausklingen und freue mich bereits auf das hausgemachte Frühstück meiner herzlichen Gastgeber, das mich am nächsten Morgen erwartet.

Markt in Olhão
frischer Fisch in Olhão
Platz in Olhão
Ina am Meer in Portugal

Inas Tipps zum Schluss

  • In den beiden Markthallen unweit der Unterkunft kann man täglich frischen Fisch sowie Obst und Gemüse kaufen. Jeden Samstag drängen sich an der Uferpromenade zusätzlich dicht an dicht die Stände eines Bauernmarktes mit frischen Produkten aus der Region.

  • Die Unterkunft findet man am besten, wenn man sich von der Uferpromenade nähert. Zwischen den Restaurants „Mariscos Isidoro“ und „O Bote“ führt eine kleine Gasse, Travessa (Tv.) António Bento, in die Stadt hinein. Hier läuft man schnurstracks auf die dezente Hausnummer 10 zu. Ja, hier bist du richtig – auch wenn’s nicht dransteht. Einfach klingeln!
  • Die endlosen, wilden Sandstrände der Algarve erreichst du von Olhão am besten mit der Fähre. Sie bringt dich zu den Inseln Armonia oder Culatra. Von dort gelangst du auf geschwungenen Pfaden durch die Lagunen des Naturparks bis an den Atlantik, wo weder Apartmentblocks noch laute Beachclubs dem perfekten Urlaubsgefühl im Wege stehen.

MEHR INFORMATIONEN ZUM CONVENTO OLHAO FINDEST DU HIER 

© Fotos: Ina Hiester und Michael Storey

Abendstimmung in Olhão

Ina ist digitale Nomadin und lebt auf einem Segelboot im Mittelmeer. Wenn gerade Flaute ist, befreit die bekennende Minimalistin Buchten und Strände von Plastik, hält Ausschau nach besonderen Orten für Good Travel, fotografiert und schreibt Artikel zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen aller Art.

KOMMENTAR

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.