Albergo Diffuso – das ganze Dorf ist mein Hotel
„Ein Dorf ist nicht etwas, das man besichtigt – sondern etwas, das man lebt.“
Seit mehr als dreißig Jahren engagiert sich Giancarlo Dall’Ara für Albergi Diffusi – ein Tourismusmodell, das historische Dörfer in sogenannte „verstreute Hotels“ verwandelt. Heute gibt es Alberghi Diffusi nicht nur in ganz Italien, sondern auch in Ländern wie Japan, Kroatien oder der Schweiz. Im Interview erzählt Giancarlo von der Entstehung der Idee, der zentrale Rolle der Dorfgemeinschaft und davon, was wir von Dörfern über eine andere Art des Reisens lernen können.
Giancarlo, Tourismus wird heute oft dafür kritisiert, Overtourism zu fördern und die Identität von Orten zu zerstören. War das einer der Gründe, warum du das Konzept des Albergo Diffuso entwickelt hast?
Overtourism betrifft vor allem berühmte Reiseziele wie Venedig, Barcelona, Florenz oder Kyoto. Als die Idee des Albergo Diffuso vor mehr als dreißig Jahren entstand, lag mein Fokus jedoch auf etwas anderem: den historischen Dörfern Italiens, den borghi. Damals gab es dort kaum Tourismus – die meisten Reisenden besuchten die großen Städte und bekannten Sehenswürdigkeiten. Nur im Juli und August, wenn dort alles ausgebucht war, kamen vereinzelt Besucher auch in die Dörfer.
Die naheliegende Lösung wäre gewesen, auch hier Hotels zu bauen. Aber ich war überzeugt, dass das nicht der richtige Weg ist. Hotels gehören in Städte und große Tourismusdestinationen. Dörfer sind anders: sie haben ihre eigene Architektur, ihre eigene Silhouette und ihren eigenen Lebensrhythmus. Sie sind authentisch, lokal und individuell. Ein standardisiertes Hotel würde genau das verändern, was diese Orte so besonders macht. Also fragte ich mich: Warum überhaupt ein neues Hotel bauen? Warum nicht die Häuser nutzen, die bereits vorhanden sind, und die notwendigen Hoteldienstleistungen darum herum organisieren? So entstehen Unterkünfte, ohne dass die Identität des Dorfes verloren geht. Das war die Geburtsstunde von Albergo Diffuso.
Was unterscheidet ein Albergo Diffuso von einem Hotel oder einer Ferienwohnung?
Viele beschreiben das Konzept als „verstreute Hotels“. Für mich liegt der entscheidende Unterschied aber nicht in den Gebäuden, sondern in den Menschen. Damit ein Albergo Diffuso wirklich ein Albergo Diffuso ist, müssen sich die Gästezimmer zwischen den Häusern befinden, in denen die Menschen tatsächlich leben. Die Bewohnerinnen und Bewohner stehen nicht außerhalb des Projekts – sie sind ein Teil davon. Das ist entscheidend, denn ein Haus ist etwas anderes als ein Hotel. Hotels werden für Touristen gebaut, Häuser für Menschen, die dort leben.
Wenn Gäste in echten Häusern wohnen, umgeben von den Menschen, die dort ihren Alltag verbringen, erleben sie etwas, das nicht eigens für den Tourismus geschaffen wurde. Sie erleben den Alltag eines Dorfes. Deshalb sage ich immer: Ein Albergo Diffuso ist mehr als eine Unterkunft. Es gibt den Gästen die Möglichkeit, für ein paar Tage Teil einer Gemeinschaft zu werden. Damit unterscheidet sich das Konzept grundlegend vom Massentourismus. Unser Ziel ist es nicht, noch ein weiteres Ausflugsziel zu schaffen, an dem möglichst viele Menschen zwei oder drei Stunden verbringen, ein paar Fotos machen und dann weiterfahren. Wir möchten, dass wenige Menschen kommen – und bleiben.
Denn ein Dorf ist nicht etwas, das man einfach besichtigt. Es ist ein Ort, den man erleben muss. Wer mehrere Tage in einem Dorf verbringt, entdeckt nach und nach die vielen kleinen Dinge, die seinen Charakter ausmachen: das Café, in dem sich alle treffen, den Blick aus einem bestimmten Fenster, ein Glas Wein mit den Nachbarn, alte Traditionen oder einfach den ruhigeren Rhythmus des Alltags. Ein Dorf ist reich an diesen kleinen Dingen, aber man kann sie nicht in zwei Stunden entdecken. Dafür braucht man mehr Zeit.
Wie schaffen Alberghi Diffusi ein anderes Reiseerlebnis?
Der deutsche Dichter Hans Magnus Enzensberger schrieb einmal, dass die wirklich knappen Güter unserer Zeit nicht materiell, sondern immateriell sind: Ruhe, Raum und Zeit. Das sind Dinge, die man weder einfach herstellen noch kaufen kann – und gerade deshalb sind sie heute so wertvoll. In einem Dorf hat man eine größere Chance, sie zu finden.
Ich habe viele Jahre im Tourismus in China gearbeitet. Wenn man an Städte mit zwölf, fünfzehn oder sogar dreißig Millionen Einwohnern denkt, wird einem bewusst, dass etwas so Alltägliches wie ein blauer Himmel zu etwas Außergewöhnlichem werden kann. Viele Menschen waren ganz berührt, als sie einen unverstellten, klaren Himmel zu sehen bekamen. In einem Dorf erscheinen solche Dinge ganz selbstverständlich. Doch vielleicht sind sie heute der größte Luxus, den wir Menschen bieten können.
Wie verändert ein Albergo Diffuso das Dorf selbst?
Ein Albergo Diffuso kann keine Gemeinschaft schaffen, wo es keine gibt. Es braucht ein lebendiges Dorf – mit einem Laden, einem Verein, Treffpunkten und sozialem Leben. Das Albergo Diffuso kann eine Gemeinschaft zwar stärken, aber es kann sie nicht erfinden.
Wenn ein Albergo Diffuso entsteht, entdecken die Bewohnerinnen und Bewohner ihr eigenes Dorf oft mit den Augen der Gäste neu. Für viele ist es eine Überraschung zu sehen, dass sich Menschen von außerhalb für den Ort interessieren, an dem sie schon immer gelebt haben. Plötzlich erkennen sie, dass ihre Häuser einen Wert haben, den sie selbst nie gesehen haben. Besucher fragen nach einem alten leerstehenden Haus oder möchten wissen, ob es zum Verkauf steht. So wird ihnen bewusst, dass das, was für sie selbstverständlich war, für andere etwas ganz Besonderes ist.
Und dann entsteht allmählich Bewegung. Ein Albergo Diffuso lebt von Authentizität: es braucht regionale Lebensmittel, lokale Produkte und Menschen, die die Traditionen des Dorfes kennen. Solche Dinge kann man nicht bei Amazon oder Alibaba bestellen – sie müssen aus dem Dorf selbst kommen. Vielleicht beginnt deshalb jemand, wieder Käse herzustellen. Eine ältere Frau verkauft ihre selbstgemachte Marmelade. Handwerker erkennen, dass ihr Wissen und ihre Fähigkeiten gefragt sind. Kleine Produzenten werden zu Partnern des Albergo Diffuso und tragen damit genau zu dem Erlebnis bei, das die Gäste suchen.
Das sind keine spektakulären wirtschaftlichen Veränderungen, aber sie schaffen neue Möglichkeiten. Manchmal reichen sie aus, damit sich ein junger Mensch entscheidet, im Dorf zu bleiben, statt wegzugehen. Und wenn eine junge Familie bleibt, folgt vielleicht eine weitere.
Du sagst, ein Albergo Diffuso ist mehr als ein Hotel. Kann es auch unsere Art zu reisen verändern?
Davon bin ich überzeugt. Ich glaube, dass Menschen auf Reisen heute zunehmend nach einer anderen Lebensqualität suchen. Ich beschreibe den Unterschied oft als den zwischen einem horizontalen und einem vertikalen Leben. Städte sind vertikal organisiert. Menschen begegnen sich im Aufzug, im Treppenhaus oder im Büro – immer unter Zeitdruck. Das Leben im Dorf ist dagegen horizontal. Man trifft sich auf dem Dorfplatz, bleibt stehen, unterhält sich und kennt einander. Das soziale Leben findet ganz selbstverständlich im öffentlichen Raum statt. Für viele internationale Gäste ist genau das eine der größten Entdeckungen in einem Albergo Diffuso, weil sie diese Art des Zusammenlebens von zu Hause nicht kennen.
Ich erinnere mich an einen Artikel in The Times über ein kleines Dorf in der Nähe von Oxford. Dort gab es nichts, was Touristen normalerweise anzieht: keine berühmte Kirche, kein Museum, kein historisches Bauwerk. Und trotzdem kamen jeden Tag Reisebusse mit chinesischen Besucherinnen und Besuchern dorthin. Der Journalist fragte sie, warum sie so weit reisen, um einen Ort zu besuchen, an dem es scheinbar „nichts“ zu sehen gibt. Aber für jemanden, der in einer Megacity lebt, ist ein gewöhnliches Dorf mit kleinen Häusern, Gärten und ruhigen Straßen etwas Außergewöhnliches. Die Besucher schauten über Gartenzäune und durch Fenster, weil sie verstehen wollten, wie dieses alltägliche Leben aussieht.
Ich erinnere mich auch an eine Werbekampagne der Stadt Amsterdam. Der Slogan lautete: „Amsterdam – eine Stadt mit der Atmosphäre eines Dorfes.“ Selbst eine Großstadt nutzt also das Bild des Dorfes, um für eine höhere Lebensqualität zu werben. Für mich zeigt das, dass Dörfer heute etwas sehr Wertvolles besitzen – und dass das Albergo Diffuso den Menschen hilft, diesen Wert neu zu entdecken.
Wenn ein Dorf selbst ein Albergo Diffuso werden möchte – wie beginnt dieser Prozess? Wer ergreift normalerweise die Initiative?
Manchmal beginnt alles mit einer einzelnen Person, die ihr Dorf liebt und ihm eine Zukunft geben möchte. Diese Person bringt mehrere leerstehende Häuser zusammen, organisiert die Unterkünfte und schafft die Hoteldienstleistungen. In anderen Fällen schließen sich Hauseigentümer zusammen, gründen eine Genossenschaft oder ein Konsortium und betreiben das Albergo Diffuso gemeinsam. Oder sie übertragen die Leitung an ein Unternehmen oder einen lokalen Unternehmer.
Eine dritte Möglichkeit ist, dass die Gemeinde die Initiative ergreift. Sie kann zum Beispiel leerstehende Gebäude in den ersten Jahren kostenlos oder zu einer sehr geringen Miete zur Verfügung stellen. Dadurch sinkt die Einstiegshürde und das ganze Dorf wird ermutigt, sich an dem Projekt zu beteiligen.
Im Unterschied zu herkömmlichen Tourismuskonzepten lässt sich ein Albergo Diffuso nicht einfach von außen übernehmen. Es muss aus der Gemeinschaft heraus wachsen. Die Gebäude sind bereits da, die Traditionen sind da, die Menschen sind da. Ein Albergo Diffuso gelingt dann, wenn all diese Elemente zusammenkommen und die Menschen im Dorf eine gemeinsame Vorstellung von ihrer Zukunft entwickeln.
Das Konzept des Albergo Diffuso hat sich inzwischen weit über Italien hinaus verbreitet. Was wünschen Sie sich, dass andere Regionen daraus mitnehmen?
Ich hoffe, dass die Menschen das Albergo Diffuso nicht als starres Modell verstehen, das man einfach kopieren kann, sondern als eine Philosophie. Jedes Dorf ist anders – und genau das ist seine größte Stärke. In Italien gibt es Bergdörfer, Renaissance-Dörfer, Höhlendörfer wie Matera oder die Trulli-Dörfer von Alberobello. Sie unterscheiden sich völlig voneinander. Und genau darum geht es. Ein Albergo Diffuso soll einen Ort nicht vereinheitlichen. Es soll die Identität sichtbar machen, die bereits vorhanden ist.
Heute gibt es Alberghi Diffusi nicht nur in Italien, sondern auch in Japan, Kroatien, der Schweiz, Albanien oder Ruanda. Jeder Ort passt die Idee an seine eigene Kultur und seine eigenen Traditionen an. Als Verein freuen wir uns über jede neue Initiative. Wir sind zwar eine sehr kleine Organisation und arbeiten ausschließlich ehrenamtlich, aber wenn sich Menschen bei uns melden, weil sie ein Albergo Diffuso gründen möchten, versuchen wir, sie zu unterstützen. Unser Ziel ist nicht, eine internationale Hotelkette aufzubauen. Wir möchten eine Idee bewahren. Viel zu oft verändert der Tourismus Orte so lange, bis sie sich alle ähneln. Das Albergo Diffuso versucht genau das Gegenteil. Es beginnt bei der Identität eines Ortes – bei seinen Menschen, seinen Traditionen und seiner Gemeinschaft.
Wenn Tourismus dazu beiträgt, dass Menschen in ihren Dörfern bleiben können, Besucher länger verweilen und echte Begegnungen zwischen Gästen und Einheimischen entstehen, dann entsteht etwas Positives. Dann hilft Tourismus dabei, Gemeinschaften zu erhalten, anstatt sie zu verdrängen.
Wir danken Giancarlo Dall’Ara für das Gespräch!
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© Fotos: ADI – Alberghi Diffusi
Ina Hiester
Ina ist digitale Nomadin und reist zu Wasser und zu Lande durch Europa. Dabei hält die Journalistin stets Ausschau nach besonderen Orten für Good Travel, philosophiert in ihrer Kolumne über das Reisen, fotografiert, musiziert und schreibt Artikel zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen aller Art.



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