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Pilgern

Pilgern: Erkenntnisse unterwegs aufsammeln

Obwohl sich weltweit immer weniger Menschen als religiös bezeichnen, liegt Pilgern voll im Trend. Auch unsere Autorin Ina ist schon rund 1.000 Kilometer weit gepilgert. In diesem Artikel teilt sie ihre Erfahrungen.

2024 pilgerten fast eine halbe Million Menschen nach Santiago de Compostela – ein Rekord. Der Jakobsweg, der Pilgernde schon seit dem Mittelalter zum Grab des Apostels Jakobus im Nordwesten Spaniens führt, ist der bekannteste Pilgerweg der Welt. Seit 1994 hat sich hier die Zahl der Pilgernden mehr als verdreißigfacht – und auch viele andere Pilgerwege gewinnen an Beliebtheit. Doch nicht nur die Zahl der Wandernden, sondern auch ihre Motive haben sich mit der Zeit verändert.

Warum Menschen pilgern

Früher suchten Pilgernde unterwegs vor allem Buße oder die Erfüllung eines Gelübdes. Heute treibt viele eine generelle Suche nach Sinn und Orientierung an – kein Wunder in einer Welt, die zunehmend aus den Fugen zu geraten scheint. Ich selbst bin zwei Mal gepilgert. 2017 lief ich in 40 Tagen 880 Kilometer von der französischen Stadt Le Puy-en-Velay bis ins spanische Pamplona. 2022 wanderte ich in 10 Tagen 240 Kilometer von Porto nach Santiago de Compostela. Keine meiner Wanderungen hatte religiöse Gründe, doch beide haben mich tief geprägt.

Drei Viertel der Pilgernden erleben positive Veränderungen

Als ich 2017 zu meiner ersten Pilgerwanderung aufbrach, hatte ich schweres Gepäck dabei – und zwar nicht nur im Rucksack. Meine Schwester war im Jahr zuvor verstorben, meine Beziehung hing an einem seidenen Faden und in meinem Job fühlte ich mich auch nicht mehr richtig wohl. In einer Zeitschrift hatte ich gelesen, dass drei Viertel der Pilgernden auf dem Jakobsweg Erkenntnisse gewinnen, die ihr Leben positiv verändern. Keine schlechte Quote, fand ich – und war angefixt. Ich wollte herausfinden, ob auch ich zu den glücklichen 75 Prozent gehören könnte. Also kündigte ich meinen Job, bewarb mich an zwei Unis für ein Masterstudium in Nachhaltigkeitsmanagement, kaufte mir einen Pilgerführer und eine Wanderausrüstung und stieg im Juni in den Bus nach Frankreich.

Pause beim Pilgern

Pilgern als körperliche und mentale Herausforderung

Wenn es ein Zünglein an der Waage gab, das mich bewegt hat, auf jeden Fall pilgern zu gehen, dann war es ein Telefonat mit meiner Mama. Als ich ihr von meiner Idee erzählte, sagte sie spontan: „Ach Ina, das ist doch nichts für dich!“ Und womöglich hatte sie damit vollkommen recht. Ich, ihr zartes Nesthäkchen, war noch nie zuvor länger als ein paar Stunden am Stück gewandert. Ich hatte zahlreiche Zipperlein, vertrug nicht jedes Essen und hatte an sportlichen Herausforderungen noch nie besondere Freude gehabt. Die Zweifel meiner Mama motivierten jedoch den Trotzkopf in mir: jetzt erst recht! Und auch wenn ich körperlich und mental immer wieder an meine Grenzen stieß, war das Pilgern für mich eine Art Erwachsenwerden im Schnelldurchlauf. Denn ich schaffte das. Alleine. Zu Fuß. Ganz ohne Hilfe. Und war danach zumindest körperlich so fit wie niemals zuvor in meinem Leben.

Beim Pilgern Trauer verarbeiten

2017 lag der Tod meiner Schwester noch kein Jahr zurück und zog mich unablässig in ungeahnte Tiefen. Ich hatte nie die Erwartung, dass eine Pilgerwanderung diese bleischwere Traurigkeit in Luft auflösen würde. Aber es fühlte sich richtig an, dieser Trauer mit einer solchen Wanderung einen angemessenen Rahmen zu geben. Auf den 880 Kilometern durch Frankreich und Spanien hielt ich fast täglich in einer der zahlreichen Kirchen und Kapellen am Wegesrand inne. Hier fand ich Zeit und Ruhe, um an meine Schwester zu denken. Wenn ich alleine war, sang ich ihr unser irisches Segenslied. Und weinte so lange, bis die Tränen versiegten. Für den Moment. Bis zur nächsten Kapelle. Auch die Gespräche mit anderen Pilgernden halfen. Viele von ihnen hatten ähnliche Verlusterfahrungen gemacht – und so fühlte ich mich weniger allein mit meiner Trauer.

Selbstfindung

Pilgern ermöglicht echte Begegnungen statt Smalltalk

Nirgends habe ich so viele intensive Gespräche mit fremden Menschen geführt wie auf meinen Pilgerreisen. Oberflächlicher Smalltalk hingegen blieb die Ausnahme. Stattdessen begann jede Unterhaltung mit einer Pilgerin oder einem Pilger üblicherweise mit folgenden drei Fragen: Wo bist du gestartet? Wie weit läufst du? Und warum bist du hier? Mit der dritten Frage trifft man oft direkt die Essenz seines Gegenübers. Geschichten von Verlust, Herzschmerz und Sinnsuche öffnen Türen für tiefe Begegnungen auf Augenhöhe. Egal, was man beruflich macht. Egal, wie viel Geld man hat. Hier kommt es nur darauf an, wie viel Mensch man ist.

Beim Pilgern Lebenserkenntnisse unterwegs aufsammeln

Während meiner ersten Pilgerreise hatte ich zwei lebensverändernde Einsichten. Das Erste: ich brauche nicht viel. Gute Schuhe, Wechselkleidung, ein Handtuch, Essen, Trinken – und Stift und Papier. Jeden Abend schrieb ich meiner verstorbenen Schwester einen Brief, in dem ich festhielt, was mich bewegt hatte. Diese Routine erweckte in mir eine weitere Erkenntnis: ich will mehr schreiben. Schon als Kind hatte ich davon geträumt, Schriftstellerin zu werden, verwarf den Plan aber, weil man davon angeblich nicht leben kann. Auf dem Jakobsweg traf ich dann Geraldine, eine Französin, die selbst beruflich schrieb. Sie ermutigte mich, meine Pläne für ein theorielastiges Masterstudium zurückzustellen und mich als freie Autorin selbstständig zu machen. Acht Jahre später kann ich sagen: das hat geklappt.

Pilgern kann helfen, eigene Grenzen zu akzeptieren

Bei meiner zweiten Pilgerwanderung im Frühjahr 2022 war alles anders. Dieses Mal wusste ich bereits, dass ich das schaffen kann. Stattdessen ging es bei dieser Wanderung eher darum, zu akzeptieren, dass ich gar nicht alles schaffen muss. Ursprünglich hatte ich fest vorgehabt, bis ans Ende der Welt nach Finisterre zu laufen. Nach meiner Ankunft in Santiago de Compostela waren die Wetteraussichten für die folgenden Tage allerdings gar nicht gut. Also beschloss ich, dass es genug war. Dass ich nicht über meine Grenzen und die letzten 90 Kilometer durch Regen und Matsch laufen muss – eine wichtige Lektion.

unsplash

Slow Travel: Pilgern als Gegenentwurf zum schnelllebigen Pauschaltourismus

Wenn ich höre, wie viel und wie weit Menschen heutzutage verreisen, wird mir manchmal ganz schwindelig. Ein paar Tage in Ibiza, in einer Woche mit dem Kreuzfahrtschiff ans Nordkap, über Silvester nach New York – immer weiter, immer öfter, immer schneller. Wir verreisen wie im Konsumrausch, und je härter wir arbeiten, desto exotischer muss das Reiseziel sein. Weder die Geschwindigkeit, noch der Komfort können beim Pilgern mithalten – und das ist gut so. Pilgern ist ein echter Gegenentwurf zu schnelllebigen Pauschaltourismus. Langsamer. Mühsamer. Schmerzhafter. Intensiver. Und es hält länger an. Denn Pilgern ist ein Weg, der nicht nur die Füße, sondern auch die Seele bewegt.

Es gibt nicht nur einen Jakobsweg

Wer nun Lust bekommen hat, selbst pilgern zu gehen, muss nicht gleich bis nach Santiago de Compostela wandern. Und selbst, wer unbedingt an Jakobus‘ Grab ankommen möchte, hat eine große Auswahl an Strecken. Allein auf der iberischen Halbinsel gibt es 16 verschiedene Jakobswege. Der Camino Francés ist der bekannteste und hat entsprechend eine sehr gute Pilger-Infrastruktur. Allerdings beginnt er gleich am ersten Tag mit der Überquerung der Pyrenäen – kein leichter Start also. Durch Frankreich führen vier Jakobswege, darunter die Via Podiensis, auf der ich unterwegs war. Wer sich auf das Konzept „der Weg das Ziel“ einlässt, kann auch etappenweise pilgern. Eine besonders schöne Etappe ist etwa die Strecke von Le Puy en Velay bis nach Conques: 205 Kilometer führen in 10 Tagen durch zauberhafte Landschaften.

Pilgerweg

Pilgern abseits des Jakobswegs

Auch jenseits des Jakobswegs gibt es Alternativen. Hier eine kleine Auswahl:

  • Der Frankenweg (Via Francigena) führt 3.000 Kilometer von Canterbury über Frankreich und die Schweiz bis nach Rom
  • Das Streckennetz des St. Olavswegs umfasst 5.000 Kilometer und führt durch Dänemark, Schweden und Norwegen. 
  • Der Martinusweg verbindet die Geburtsstadt des Heiligen Martin in Ungarn mit seiner Grabstätte in Tours, Frankreich. Dazwischen führen 2.500 Kilometer durch Österreich, Deutschland, Luxemburg und Belgien.

Weiterer spannender Artikel von Ina zum JAKOBSWEG

Fotos: unsplash / Damien Dufour, Ina Hiester

Ina ist digitale Nomadin und reist zu Wasser und zu Lande durch Europa. Dabei hält die Journalistin stets Ausschau nach besonderen Orten für Good Travel, philosophiert in ihrer Kolumne über das Reisen, fotografiert, musiziert und schreibt Artikel zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen aller Art.

1 Comment

  • Tabea Scholtz

    Als ich ein Viertel des Textes gelesen hatte, dachte ich: Die hat ’ne gute
    Schreibe. Wie schön, daß daraus eine Berufung geworden ist. Danke für diesen Artikel, er hat mich sehr berührt. ❤

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