Digital Detox: fast ganz offline auf dem Jakobsweg

Jakobsweg

Besonders im Urlaub wünschen sich viele, nicht nur die Zeit, sondern auch den rasenden Puls von E-Mails, Messengern und Sozialen Medien einmal komplett anzuhalten. Unsere Autorin Ina erzählt, wie ihr das auf dem portugiesischen Jakobsweg gelungen ist – ohne ganz auf die praktischen Seiten des World Wide Webs zu verzichten.

Schlaflos liege ich in meinem Stockbett. Über mir schnarcht lautstark meine optisch so zarte, akustisch jedoch erstaunlich viel Raum einnehmende Zimmergenossin. So fängt er also an, mein zweiter Jakobsweg. Weil trotz Ohrstöpseln an Schlaf nicht zu denken ist, greife ich reflexartig zum Handy. Es ist 8 Zentimeter breit, 17 Zentimeter lang und wiegt 245 Gramm. Mein Smartphone und ich, wir haben eine komplizierte Beziehung. Ich habe es fast immer bei mir, ohne es fühle ich mich verwundbar und unvollständig. Doch mit E-Mails, Push-Notifications, Stories und Feeds raubt es mir nicht nur eine geradezu unverschämte Menge an Lebenszeit, sondern macht mich auch immer öfter zu einem Menschen, der ich gar nicht sein mag. Unkonzentriert. Abgelenkt. Nicht bei der Sache. Es ist an der Zeit, das zu ändern – und wenn nicht jetzt, wann dann?

Porto, hier beginnt meine Reise

In den nächsten 10 Tagen werde ich von Porto nach Santiago de Compostela pilgern. Und hoffentlich auf den vor mir liegenden 250 Kilometern ein bisschen mehr Macht über mein Leben zurückgewinnen. Und das fängt mit diesen 245 Gramm an, die mein Hostel-Zimmer gerade in ein schummriges Licht tauchen.

Digitale Kontrolle statt komplett offline

Eigentlich habe ich alles so gut geplant und vorbereitet, dass ich mein Handy hier und jetzt einfach für 10 Tage ausschalten könnte. Meine wichtigsten privaten sowie geschäftlichen Kontakte habe ich über meine Reisepläne informiert. Wer mich jetzt noch per E-Mail anschreibt, bekommt eine freundliche, aber bestimmte Abwesenheitsnotiz von mir. Zwischen den Zeilen steht, dass ein Stören meines spirituellen Ruhebedürfnisses nur durch einige wenige Extremsituationen wie Tod oder Krankenhaus gerechtfertigt werden kann. Und dennoch kann ich mich nicht dazu durchringen, mein Smartphone komplett auszuschalten, zumal ich dann 245 Gramm vollkommen nutzloses Gepäck mit mir rumschleppen würde – ein Pilgertabu! Statt ihm also komplett den Saft abzudrehen, beschließe ich, es in den nächsten 10 Tagen auf das zu reduzieren, was es meines Erachtens eigentlich sein sollte: ein hilfreicher Gegenstand, der mir mein Leben ein bisschen leichter macht, anstatt es zu beherrschen.

Digital Detox ohne E-Mails, WhatsApp, Signal und Co.

Drei verschiedene E-Mail-Postfächer mit Kalendern, Chat- und Videocall-Optionen. Whatsapp, und Signal, Facebook inklusive Messenger, Instagram, LinkedIn. Wie bereite ich mein Digital Detox nun vor? Meine E-Mail-Apps kann ich deaktivieren und verstecke sie anschließend tief in irgendwelchen Unterordnern, um nicht aus Gewohnheit doch auf sie zuzugreifen. Die Messenger-Dienste WhatsApp und Signal kann ich auf meinem Smartphone leider nicht deaktivieren, nur deinstallieren. Ich erstelle also eine manuelle Datensicherung, damit ich sie nach dem Pilgern wieder installieren kann, doch auch als diese abgeschlossen ist, verharrt mein Zeigefinger unverhältnismäßig lange über dem „Deinstallieren“-Button. Bis mich ein besonders lautes Schnarchen meiner Zimmergenossin so erschreckt, dass mir mein Klick ins Messenger-Detoxing eher wie ein Unfall als ein Befreiungsschlag vorkommt. Das kleine vertraute, grün-weiße App-Symbol löst sich in Luft auf, und bevor ich es mir anders überlegen kann, gebe ich rasch auch seinem blauen Pendant den Laufpass. Zwei Störfaktoren ausgeschaltet.

Mein Jakobsweg ohne Social Media

Weil LinkedIn geschäftlich ist und ich hier was mit Selbstfindung machen will, fällt es mir leicht, die App zu löschen. Bei Facebook und Instagram tue ich mir etwas schwerer. Wäre doch schon toll, meine Eindrücke gleich mit anderen zu t… Stopp. Viel zu oft habe ich mich in den letzten fünf Jahren, seit ich mehr oder weniger unentwegt mit meinem Segelboot auf Reisen bin, dabei erwischt, wie ich an besonders schönen Orten bereits überlege, wie ich etwas in einer Story oder in einem Beitrag präsentieren könnte – anstatt einfach den Moment in vollen Zügen zu genießen. Außerdem kenne ich mich selbst viel zu gut: die Disziplin, nur selbst zu posten und die App dann gleich wieder zu schließen, habe ich nicht, sondern daddle danach meist noch minutenlang ziellos durch Feeds und Stories – genau das, was ich mit meinem Digital Detox vermeiden möchte. Entschlossen deinstalliere ich also beide Apps und danach fühlt sich mein Smartphone ein ganzes Stück leichter an. Wozu brauche ich es denn jetzt eigentlich noch?

Wanderweg Jakobsweg
Wegweiser
wunderschöne Landschaft

Smartes Phone: Pilgerapps statt Pilgerführer

Einer von vielen Gründen, warum ich das Pilgern so liebe, ist der geringe Planungsaufwand. Packen, hinfahren und dann einfach Tag für Tag, Schritt für Schritt, den Wegweisern in Richtung Santiago de Compostela folgen. Alles Schöne und nicht so Schöne, alles Wunderbare und Traurige, passiert auf dem Weg ganz von selbst – und das entschleunigt ungemein. Letztlich gibt es nur eine Kern-Frage, die man sich immer wieder aufs Neue beantworten muss: wie weit möchte ich heute laufen? Die Beantwortung dieser Frage ist abhängig von der individuellen Kondition, vom Schwierigkeitsgrad der Strecke, vom Wetter und davon, wo es Unterkünfte und Verpflegungsmöglichkeiten gibt. Die meisten dieser Informationen könnte ich nun, ganz offline, in einem Pilgerführer mit mir herumtragen. Aber erstens sind die immer nur bedingt aktuell und zweitens kaufe ich keine Bücher für den einmaligen Gebrauch. Und damit sind wir an einem Aspekt angelangt, für den sich mein Smartphone als außergewöhnlich smart erweist.

Mithilfe der Apps Buen Camino und Camino Ninja kann ich blitzschnell herausfinden, welche Pilgerunterkünfte überhaupt geöffnet, wie weit diese von meinem aktuellen Standort entfernt sind und ob es dort oder unterwegs was zu essen gibt. Ich kann sogar prüfen, ob ich meine Klamotten nachher von Hand waschen muss oder ob ich mir mit anderen Pilgern gemeinsam eine Waschmaschine teilen kann. Smart, oder? Es lebe das Internet! Meist rufe ich im Laufe des Vormittags kurz in den Unterkünften an, um noch offene Fragen zu klären und gegebenenfalls ein Bett zu reservieren. Und dann muss ich nur noch den gelben Pfeilen folgen und ab und an meine Wasservorräte auffüllen.

Digital Detox: das richtige Pilgeroutfit für mein Smartphone

Unterwegs zücke ich mein Smartphone gelegentlich, um Fotos zu machen. So kann ich mich auch nach dem Pilgern immer wieder an die hübschen Städtchen wie Barcelos, Ponte de Lima und Tui sowie an Portugals und Nordspaniens im Frühjahr sattgrün-schimmernden Landschaften zurückerinnern. Und an Orte, die nur mir persönlich etwas bedeuten – weil ich dort jemanden getroffen, etwas Wichtiges verstanden oder eine Träne verdrückt habe, für die es gerade an der Zeit war. Lässt mich meine Motivation im Stich, was selten ist aber durchaus vorkommt, habe ich eine Playlist mit Gute-Laune-Musik in petto. Und wenn ich nachts nicht schlafen kann, was leider sehr oft vorkommt, kann ich mit meinem Handy eine Einschlaf-Meditation abspielen. Da ich meine Fotos unterwegs mit niemandem teile und Musik und Meditationen vor meiner Reise heruntergeladen habe, muss ich für all dies nicht einmal online sein. Unterkünfte, Essen, Fotos, Musik und Meditation – genau das richtige Pilgeroutfit für mein Smartphone, finde ich. 245 Gramm: rechteckig, praktisch, gut.

Kirche
Pause am Jakobsweg

Inas drei Tipps zum Schluss:

  • Digital Detox für Einsteiger:innen: Apps komplett deinstallieren ist euch für den Einstieg ein bisschen zu arg? Von Instagram, Facebook, LinkedIn und Co. könnt ihr euch auch in der App – meist etwas versteckt unter „Einstellungen“ – einfach mal abmelden. Ihr werdet vermutlich überrascht sein, wie oft ihr die Apps dennoch aus reiner Gewohnheit kurz öffnet.
  • Akku sparen, Zeit gewinnen: Auf dem Jakobsweg habe ich neben dem Digital Detox auch die Ultra-Akku-Spar-Funktion meines Smartphones zu schätzen gelernt. Dabei kann man neben den Grundfunktionen wie telefonieren und SMS vier Apps auswählen, auf die man in diesem Modus zugreifen kann – z.B. die Kamera und eine Pilgerapp. Das schont nicht nur den Akku, sondern hilft auch beim Digital Detox, weil all die anderen Apps, die einen sonst so gerne in ihren digitalen Bann ziehen, gar nicht erst angezeigt werden.
  • Digital Detox in der Gruppe: Wenn ihr wie ich ab und zu mit anderen gemeinsam pilgert, die kein Digital Detox machen, kann das zunächst ein bisschen komisch sein. Wenn man sich etwa gemeinsam für einer Pause ins Gras fallen lässt – und alle anderen innerhalb kürzester Zeit online abtauchen. Ich habe diese Momente stets dafür genutzt, meine Aufmerksamkeit meiner unmittelbaren Umgebung zu widmen: Was sehe ich, was rieche ich, was höre ich, wie fühlt sich der Untergrund an, auf dem ich gerade liege? Eine Art Reset-Button für alle Sinne – und zumindest körperlich war ich danach entspannter als diejenigen, die derweil in oft eher unbequemer Haltung auf Ihre Handys gestarrt hatten.
Der Kater folgte mir auf Schritt und Tritt
Ina auf dem Steg

 

Ina ist digitale Nomadin und lebt auf einem Segelboot im Mittelmeer. Wenn gerade Flaute ist, befreit die bekennende Minimalistin Buchten und Strände von Plastik, hält Ausschau nach besonderen Orten für Good Travel, fotografiert und schreibt Artikel zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen aller Art.

Fotocredits: Ina Hiester, Brittni-Moffatt (Profilbild Ina)

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