Süd-Ost-Sizilien: So viel mehr als Strandurlaub

Opener Pantalica

Ein Gastbeitrag von Ina Hiester

Großartige Panoramen, mit Wildblumen gesäumte Straßen, tiefe Schluchten, Wanderungen durch herrliche Naturparks. Prachtvolle Barockbauten, zahlreiche Treppenstufen, verschlafene Gässchen, ein geschäftiger Markt. Und dazwischen ganz besondere Oasen, an denen ich die vielen Eindrücke einer Reise sacken lassen kann, die zugleich ein kleiner Abschied ist. Mein vierter und letzter Winter auf Sizilien neigt sich seinem Ende zu. Ein guter Anlass, sich zumindest einen Teil der Insel noch einmal genauer anzuschauen. Von Land aus, ohne Segel, ohne Anker.

Detailaufnahme Pantalica

„Die viele Zeit auf dem Wasser hat mich landhungrig gemacht“

Skeptisch beäuge ich meinen Mietwagen am Flughafen in Catania. Als Vollzeit-Seglerin fehlt es mir nach fast vier Jahren ohne Auto nicht nur an Fahrpraxis, sondern ich weiß auch nur allzu gut, wie „kreativ“ der Fahrstil der Sizilianer sein kann. Ob das mal gutgeht? Mein erstes Ziel Modica befindet sich 120 Kilometer südlich von hier, und ich muss ein bisschen schmunzeln, als mir mein Smartphone beim Losfahren prophezeit, dass ich in gut anderthalb Stunden dort sein müsste. Denn erstens fahre ich immer viel langsamer, als es die Geschwindigkeitsbegrenzung erlaubt – kein Wunder: 50 Stundenkilometer entsprechen 26 Knoten und sind damit fast dreimal so schnell wie die maximale Geschwindigkeit meines Segelbootes!

Und zweitens habe ich die letzten Monate dank Corona in einem sizilianischen Hafen festgesessen, weshalb ich nun alle paar Kilometer unbedingt kurz rechts ranfahren muss – einfach, um ein bisschen zu staunen. Ich liebe das Meer, doch die viele Zeit auf dem Wasser hat mich landhungrig gemacht und so kann ich mich an dem Anblick dieser malerischen Landschaft, die gerade vom Frühling wachgeküsst wird, gar nicht sattsehen. Nach vielen Pausen und noch mehr Fotos, einem Mittagssnack in dem etwas verschlafenen Städtchen Palazzo Acreide, noch mehr Pausen und noch mehr Fotos, erreiche ich Modica etwa vier Stunden später – 1:0 für mich.

Modica: zu Gast in der Schokoladenstadt

Die erste Oase meiner Reise, die Residenza Hortus, befindet sich im Herzen von Modica. Die Barockstadt, deren zahlreiche Steinhäuser, Gassen, Kirchen, Treppen und Paläste sich in einen großen Canyon schmiegen, ist unter anderem für ihre Schokoladenkultur bekannt. Modica-Schokolade wird bei niedrigen Temperaturen verarbeitet und nur mit Zucker und Gewürzen, Nüssen oder Zitrusfrüchten verfeinert. Die Zuckerkristalle bleiben dabei erhalten, und da die Schokolade außerdem weder Pflanzenfette noch Milch enthält, ist sie nicht cremig-zart, sondern etwas rau auf der Zunge – dafür jedoch umso intensiver in ihrem Aroma. Neben frischen Mandarinen aus der Region entdecke ich auf dem Küchentisch der Residenza Hortus entzückt ein Täfelchen der dunklen Köstlichkeit als Willkommensgruß und gönne mir gleich ein Stück. So schmeckt Modica: ein bisschen bröckelig, aber gerade deshalb so echt.

Stadthaus in Modica mit Schokoladenbezug
Die Terasse von der Residenza Hortus
Das Wasserzimmer in der Residenza Hortus

Die Residenza Hortus verbirgt sich unweit der Kathedrale San Giorgio hinter hohen, alten Mauern. Drei Schlafzimmer, ein großzügiger Wohn-Essbereich mit Weinkeller, eine sonnenverwöhnte Terrasse und ein Garten mit Jacuzzi laden zur Entschleunigung und Entspannung ein. Bei der Sanierung des einst vollkommen verfallenen Anwesens wurde der historische Charme der Residenz erhalten und durch schlichte Design-Elemente und Kunst eher unterstrichen als verdrängt.

Saint Giorgio in Modica
Modica in der Dämmerung

Nach einem Abendspaziergang durch die Gassen der Stadt und einer erholsamen, traumlosen Nacht in dem alten Gemäuer der Residenz besuche ich am nächsten Vormittag nur wenige Straßen entfernt die Casa Kimiyà. Beide Häuser wurden von dem Künstler und Designer Luca Giannini mit viel Liebe zum Detail wieder zum Leben erweckt und aufwändig restauriert. Von der originell eingerichteten Casa Kimiyà eröffnet sich mir ein spektakulärer Panoramaausblick auf die Stadt, die ich kurz darauf nur schweren Herzens hinter mir lasse: ein weiterer Abschied – bittersüß wie ihre Schokolade.

Stimmung auf der Dachterasse der Casa Kimiyà
Blick auf die Dachterasse in der Casa Kimiyà
Das Schlafzimmer oben

Wohlfühlen inmitten der Natur: I Carusi und die Riserva Vendicari

Rund 40 Kilometer östlich von Modica biege ich kurz vor der Stadt Noto rechts ab. Wenig später folge ich einer holzgetäfelten Beschilderung auf eine Schotterstraße und erreiche so den alten Gutshof „I Carusi“. Während mich in Städten immer eine gewisse Unternehmungslust umtreibt, weil es so viel zu sehen und zu staunen gibt, erfasst mich hier augenblicklich eine fast schon magische Ruhe. Ich streife „fomo“, the fear of missing out, von mir ab und lasse meinen Blick verträumt über die mich umgebende Landschaft streifen. I Carusi liegt idyllisch auf einem Hügel, eingebettet in sechs Hektar biologisch bewirtschaftete Mandel- und Olivenhaine.

Betreiberin Simona hat den Hof liebevoll renoviert und zu einer echten Wohlfühloase gemacht. Neben fünf geschmackvoll eingerichteten Wohneinheiten gibt es im Haupthaus einen Essbereich mit Wintergarten und Veranda, die zum großen Garten mit Pool führen. Von hier aus bietet sich mir ein wunderbarer Rundumblick auf die sanfte, ländliche Umgebung und das am Horizont verheißungsvoll glitzernde Meer.

Blick auf die Farm I Carusi
Entspannte Stunden am Pool von I Carusi verbringen
Pool von I Carusi
Romantische Abendstimmung bei I Carusi

Bis zum Strand und zum nahegelegenen Naturschutzgebiet, der Riserva Naturale di Vendicari, sind es nur zwei Kilometer. Früh am nächsten Morgen bin ich hier die erste Besucherin. Gegen eine geringe Parkgebühr durchwandere ich in den nächsten Stunden ausgedehnte Heidelandschaften, Sumpf- und Moorgebiete, die zahlreichen Pflanzen und Tieren kostbaren Lebensraum bieten. Nach einer Mittagspause in der Barockstadt Noto führt mich meine Reise weiter gen Norden.

Riserva Vendicari
I Carusi Sonnenuntergang
Noto

Casa Sabir: Syrakus mit allen Sinnen

Gemäßigten Tempos erreiche ich Ortygia, die historische Altstadt von Syrakus, am späten Nachmittag. Ortygia ist eine Art Konzentrationspunkt sizilianischer Kultur und Geschichte. Phönizier, Griechen, Römer, Byzantiner, Araber und Normannen – sie alle prägten die kleine, vom Festland aus nur über zwei Brücken erreichbare Insel und hinterließen hier ihre Spuren. Auf engstem Raum drängen sich Wohnhäuser, Gassen, Museen, Geschäfte und Restaurants, und jeden Vormittag lockt der historische Markt zahlreiche Bewohner und Touristen an. Genau hier, wo sich morgens die Marktstände unter frischem Fisch, knackigem Gemüse, farbenfrohem Obst und verführerischen Gewürzen biegen, besuche ich die letzte Oase meiner Reise: Lucas Casa Sabir.

Die hohen, luftige Räume der Wohnung befinden sich im zweiten Stock eines Altbaus. Die schlichte, elegante Einrichtung betont die alten Wandmalereien, die bei den Renovierungsarbeiten überraschend zum Vorschein kamen. Hier lasse ich den Rest des Tages nach einem kleinen Spaziergang an der Wasserfront und einem guten Glas Rotwein entspannt ausklingen. Als ich am nächsten Morgen die Balkontüren öffne, sind meine Lebensgeister schlagartig erweckt. Zum Greifen nahe erscheint mir das prächtige Farbenspiel der Markstände, intensive Düfte steigen zu mir empor, orientalisch anmutende Melodien mischen sich mit den selbstbewussten Lockrufen der Verkäufer, denen ich nur zu gerne nachkomme.

Blick ins Schlafzimmer der Casa Sabir
Gewürze auf dem Markt in Syrakus
Marktstimmung

Ein letzter Abstecher in die Natur: Pantalica

Am letzten Tag meiner Reise, bevor es zurück in den Hafenalltag geht, steht nochmals ein Naturpark auf meinem Programm. Schon lange liegt mir mein guter Freund Carmelo in den Ohren, dass ich als Wanderbegeisterte im Frühling unbedingt mal nach Pantalica soll – und nun weiß ich auch, warum. Pantalica zählt, genauso wie Palazzo Acreide, Modica, Noto und Syrakus, zum UNESCO-Weltkulturerbe. Berühmt ist der Ort vor allem wegen seiner über 5000 in den Kalkstein eingehauenen Kammergräber, die aus dem 13. bis 8. Jahrhundert v. Chr. stammen.

Mich begeistert jedoch vor allem die Landschaft, die ich teils auf breiten Wanderwegen, teils auf schmalen Pfaden erkunde. Es geht auf und ab, tief in die Schlucht, am Bach entlang und dann wieder nach oben auf den Höhenkamm. Die Blüten des Weißen Affodills leuchten im Sonnenschein und das satte Grün der Wiesen und Bäume steht in herrlichem Kontrast zum Grau der Kalkfelsen. Carmelo, ich danke dir, deine Beharrlichkeit hat sich gelohnt.

Wandern in Pantalica
Blütezeit in Pantalica

Als ich am Abend den Mietwagen zurückgebe, habe ich ein mulmiges Gefühl. Im Tunnel kurz vor Catania hat der LKW-Fahrer hinter mir immer wieder aufgeblendet und ich befürchte, dass möglicherweise eines der Rücklichter kaputt ist. Ich spreche den netten Herrn von der Autovermietung darauf an. „Wie schnell sind Sie denn gefahren?“, fragt er mich. „Fast 80, so schnell wie erlaubt war!“, gebe ich stolz zurück – und wir müssen beide lachen.

Ein paar praktische Tipps zum Schluss:

  • Modica, Noto und Syrakus sind von Catania auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln; die Riserva di Vendicari von Noto aus gut mit dem Fahrrad zu erreichen. Ohne Auto nach Pantalica zu gelangen, dürfte sich jedoch als eher schwierig erweisen.
  • Wer sich selbst verpflegen möchte, findet auf den Märkten, an den kleinen Ständen am Straßenrand und in den vielen „Ortofrutta“-Läden sehr gutes Obst und Gemüse zu günstigen Preisen. Alle größeren Supermärkte haben zumindest eine kleine Auswahl an Bio-Lebensmitteln. In Syrakus empfehle ich, den Bioladen „Natura Sì“ aufzusuchen.
  • Viele sizilianische Restaurants setzten stolz auf Produkte aus der Region und kennzeichnen diese auch auf ihren Speisekarten. Im Stadtviertel Sacro Cuore in Modica werden im „Babbio“ ausschließlich Bio-Zutaten verwendet. In Syrakus habe ich in „Olivias Natural Bistrot“ vor meiner Wanderung durch Pantalica ein herrliches Bio-Essen genossen. Wer wie ich außerdem glutenfrei unterwegs ist, sollte in Restaurants nach Gerichten „senza glutine“ fragen – in Sizilien ist dies erstaunlich oft kein Problem.
Ina auf dem Steg, Fotocredits: Brittni Moffatt

 

Ina ist digitale Nomadin und lebt auf einem Segelboot im Mittelmeer. Wenn gerade Flaute ist, befreit die bekennende Minimalistin Buchten und Strände von Plastik, hält Ausschau nach besonderen Orten für Good Travel, fotografiert und schreibt Artikel zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen aller Art.

Fotocredits: Ina Hiester, Brittni-Moffatt (Profilbild Ina)

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