Was ich am Waldbaden so liebe
Am liebsten mag ich den Wald an Tagen, an denen ich mir einrede, gar nicht die Zeit dafür zu haben. Gerade dann tut es besonders gut, eine Weile zwischen den Bäumen unterwegs zu sein. Nach einiger Zeit wird mein Gedankenkarussell ruhiger und plötzlich nehme ich wieder Dinge wahr, für die im Alltag oft gar kein Platz ist.
Von Japan bis zum Wald hinter meinem Elternhaus
Der Begriff „Waldbaden“ kommt ursprünglich aus Japan. „Shinrin Yoku“ bezeichnet dort das bewusste Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes. Man muss dafür keine bestimmte Strecke zurücklegen und auch kein besonderes Ziel haben. Für mich bedeutet Waldbaden vor allem, wirklich präsent zu sein.
Besonders gerne gehe ich dafür in den Wald hinter dem Haus meiner Eltern. Ich kenne ihn schon seit meiner Kindheit und wahrscheinlich ist genau das einer der Gründe, warum ich mich dort bis heute so wohlfühle. Viele Wege bin ich schon im Kindergarten gegangen, lange bevor ich überhaupt darüber nachgedacht habe, warum ich eigentlich so gerne im Wald bin.
Wenn ich heute dort unterwegs bin, kommen manchmal ganz automatisch Erinnerungen zurück. An Nachmittage aus der Kindheit, an denen wir draußen waren, ohne auf die Uhr zu schauen und an bestimmte Wege, die ich noch immer erkenne, obwohl sich der Wald über die Jahre natürlich verändert hat. Es gibt Stellen, bei denen ich sofort weiß, dass ich hier schon unzählige Male gewesen bin. Gleichzeitig entdecke ich ihn heute ganz anders. Als Kind war der Wald vor allem ein Ort zum Toben und Entdecken. Heute gehe ich bewusster durch ihn, bleibe stehen, schaue in die Baumkronen oder merke, wie sich mein Kopf langsam beruhigt.
Was im Wald mit uns passiert
Beim Waldbaden fühle ich mich nicht nur subjektiv mit jedem Schritt leichter, es passiert auch tatsächlich einiges im Körper. Die wissenschaftliche Forschung zu Shinrin Yoku beschäftigt sich seit Jahren mit den Auswirkungen von Aufenthalten im Wald. Studien haben unter anderem gezeigt, dass sich der Cortisolspiegel, die Herzfrequenz und teilweise auch der Blutdruck während beziehungsweise nach einem Waldaufenthalt verändern können. Was die Forschung da untersucht, kann ich (zumindest im ganz einfachen Sinn) selbst nachvollziehen: Ich komme nach einem Spaziergang meistens anders aus dem Wald heraus, als ich hineingegangen bin.
Gerade weil unser Alltag so stark davon geprägt ist, Dinge effizient zu erledigen, empfinde ich es als wohltuend, einmal etwas zu tun, das überhaupt kein Ergebnis braucht. Wir sind es gewohnt, ständig irgendwohin zu wollen oder nebenbei noch etwas zu machen: Beim Spazierengehen hören wir einen Podcast, beim Warten schauen wir auf Instagram und selbst freie Tage sind oft ziemlich gut durchgeplant. Mein Handy lasse ich für einen Spaziergang zwischen den Bäumen deshalb immer ganz bewusst zuhause.
Irgendwann kommt dann immer der Punkt, an dem die Gedanken, die sich am Schreibtisch sonst im Kreis drehen, sich wie von alleine auflösen oder Ideen kommen, nach denen ich vorher vergeblich gesucht habe. Genauso schön finde ich aber die Spaziergänge, bei denen gar nichts Besonderes passiert. Dann nehme ich plötzlich Dinge wahr, die mir sonst sicherlich entgehen würden: den Geruch von feuchter Erde, das Licht zwischen den Bäumen oder das Rascheln irgendwo im Unterholz.
Mein Wald zwischen früher und heute
Im Wald treffen für mich immer zwei Dinge aufeinander: die Erinnerungen an eine Zeit, in der ich noch viel weniger darüber nachgedacht habe, wie ich meine Zeit verbringe und mein heutiges Bedürfnis, zwischendurch bewusst aus dem Tempo des Alltags auszusteigen. Möglicherweise liegt genau darin für mich die besondere Faszination des Waldes. Er gibt mir ein Gefühl zurück, das ich aus meiner Kindheit kenne und heute wieder ganz bewusst genieße.
©Fotos: Nadine Pinezits
Nadine Pinezits
Nadine ist freiberufliche Redakteurin und Texterin. Sie lebt in Österreich und pendelt zwischen Salzburg und Wien. Sie ist somit entweder in den Bergen oder im Großstadtdschungel unterwegs, versucht aber gleichzeitig, so viel Zeit wie möglich in ihrem Herzensland Portugal zu verbringen.



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