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In der Nebensaison reisen

Off-Season: Warum Reisen in der Nebensaison ein echtes Geschenk sein kann

Als ich Mitte September in Vernazza aus dem Zug stieg, einem der fünf bunten Dörfer der Cinque Terre an der italienischen Mittelmeerküste, hat mich der erste Eindruck umgehauen – allerdings im negativen Sinne. Massenweise drängten sich Menschen vom kleinen Bahnsteig über die schmale Treppe ins Dorf, alle auf dem Weg zum pittoresken Hafen. Und ich mittendrin als Teil der Masse, über die ich mich gerade ärgerte. Nach zwei Minuten hatte ich eigentlich schon keine Lust mehr. Aber wenn ich schon mal da war, dachte ich, konnte ein kurzer Blick auf das berühmte Postkartenmotiv ja nicht schaden.

Es wurde nicht besser, sondern eher trauriger. Volle Restaurants, die sogar Burger anboten (in Italien!), dazu dutzende etwas ramschige Souvenirläden mit den immer gleichen Zitronen-Magneten und Dolce-Vita-Shirts. 

Meine Lehre: Mitte September ist an solchen Orten noch lange keine Nebensaison. Hotspots wie Florenz, Venedig oder die Cinque Terre sind bis weit in den Herbst hinein voll. Für alle, die antizyklisch reisen möchten und können, hier ein paar Gedanken.

Weniger Touristen, mehr Zeit für echte Begegnungen

Der offensichtlichste Vorteil: weniger Touristen. Wo sich in der Hochsaison lange Warteschlangen vor den Museen bilden und beliebte Aussichtspunkte zur Selfie-Kulisse werden, kehrt in der Nebensaison etwas Ruhe ein. Orte zeigen dann eher den Alltag der Menschen, die dort leben. Man kauft Brot beim selben Bäcker wie die Einheimischen, sitzt neben ihnen in der Bar und erfährt vielleicht Dinge, die in keinem Reiseführer stehen. In der Nebensaison durfte ich schon mal in der Toskana bei der Weinkelterung in kleidsamen Gummistiefeln zugucken und den eindringlichen Most-Geruch aufsaugen.

Gummistiefel

Mehr fürs Geld und gut für die Region

Unterkünfte und Mietwagen sind außerhalb der Ferienzeiten oft deutlich günstiger. Wer flexibel ist, kann sich plötzlich das kleine Boutique-Hotel mit Meerblick leisten oder ein paar Tage länger bleiben. In der Nebensaison zu reisen, hilft auch den Destinationen. Wer in den ruhigeren Monaten kommt, entlastet die Region und sichert gleichzeitig das Einkommen der Gastgebenden. Das sorgt für ganzjährige Arbeitsplätze statt Saisonjobs – und das ist nachhaltiger Tourismus.

leere Gasse mit Meerblick

Was ist in der Nebensaison zu beachten?

Ehrlich gesagt hat die Nebensaison auch ihre Tücken. Da ist zunächst das Wetter. Es gibt einen Grund, warum die meisten Menschen im Sommer ans Mittelmeer fahren. Hinzu kommt, dass manche Orte schon früh im Winterschlaf liegen. Strandbars haben geschlossen, Fähren fahren seltener oder gar nicht mehr, Sehenswürdigkeiten werden oft restauriert, renoviert oder sind geschlossen, weil es sich nicht lohnt, für so wenige Interessierte zu öffnen. 

Besonders auf kleinen Mittelmeerinseln werden die Bürgersteige ab Ende Oktober komplett hochgeklappt und die Saisonkräfte reisen ab. Das fühlt sich dann eher einsam als idyllisch an. Kürzere Tage bedeuten übrigens auch weniger Zeit für Ausflüge, da es früher dunkel wird. Unbedingt bei der Tagesplanung einbeziehen.

Und man darf sich nicht über das Wetter ärgern, das gerade in den Übergangszeiten schwer vorherzusagen ist. Daran arbeite ich noch. Mir ist es schon passiert, dass es Anfang Mai in Sizilien zwei Tage durchgeregnet hat. Umgekehrt saß ich im April in Schottland bei einem Pint draußen in der Sonne. Beides war etwas skurril, aber genau daraus entstehen ja oft die besten Urlaubsgeschichten.

Pint in Schottland trinken

Das richtige Ziel finden

Die Kunst liegt in der Wahl des Ziels. Städte funktionieren immer – Museen, Restaurants, Geschäfte und Märkte werden auch von Einheimischen genutzt. Die Wochen direkt vor oder nach der Hochsaison bieten oft noch alle Optionen: mildes Wetter, geöffnete Betriebe, aber noch oder schon deutlich weniger Trubel.

Und manche Regionen entfalten auch im Herbst und Winter ihren ganz eigenen Charme – die stürmische Nordsee, die Olivenernte in Apulien oder erster Frost in den Bergen, den man in einer Sauna entspannt genießen kann. Die Nebensaison verlangt etwas mehr Vorausplanung, belohnt aber meistens mit mehr Ruhe, günstigeren Preisen und echten Begegnungen.

Und Vernazza? Da fahre ich noch einmal hin. Im März vielleicht, wenn das Meer schon wieder leuchtet und die ersten Cafés langsam öffnen.

Urlaub in Vernazza

© Fotos: Pexels / estecarry, unsplash / Eugenia Pan, Pexels / Christopher Politano, unsplash / Adam Wilson, Pexels / Myersmc

Geraldine arbeitet als freie Autorin für Good Travel und hat gerade eine Ausbildung zur Nachhaltigkeitsmanagerin absolviert. Nach zwanzig spannenden Jahren beim Film, widmet sie sich jetzt hauptberuflich ihren anderen Leidenschaften – Reisen, Essen und Design.

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