Essbare Städte: Wenn mitten in der Stadt Gemüse wächst
Obst pflücken im Park, Kräuter am Wegesrand sammeln und Gemüsebeete mitten in der Stadt bepflanzen: In sogenannten „essbaren Städten“ wird öffentlicher Raum zum kleinen Garten. Was dahintersteckt und wo es solche Projekte gibt, hat sich Good Travel Autorin Nadine angesehen.
Wer durch eine Stadt spaziert, erwartet eher stark befahrene Straßen, geschäftige Plätze und Parks mit englischem Rasen als Tomaten, Beerensträucher oder Obstbäume. Doch genau das verändert sich vielerorts: In immer mehr Städten wächst Essbares dort, wo sonst vor allem Zierpflanzen oder Grünstreifen zu finden wären. Das Prinzip der essbaren Stadt ist dabei denkbar einfach: Öffentliche Flächen werden genutzt, um Lebensmittel anzubauen – und die Bewohner:innen dürfen sich bedienen.
Vom Stadtpark auf den Teller
Eine essbare Stadt ist nicht unbedingt eine Stadt, in der an jeder Ecke Gemüsebeete stehen. Ein festes Konzept gibt es nämlich nicht. Gemeinsam ist den verschiedenen Projekten aber, dass Lebensmittel mitten im urbanen Raum wachsen und für die Menschen vor Ort zugänglich sind. Aus einem gewöhnlichen Spaziergang kann so schnell eine kleine Ernte werden: ein paar Beeren pflücken, frische Kräuter mitnehmen oder einen Apfel direkt vom Baum essen.
Nur ums Naschen geht es dabei natürlich nicht. Pflanzen können Städte lebenswerter machen: Sie schaffen Lebensräume für Insekten, bringen mehr Grün in dicht bebaute Gebiete und können dazu beitragen, dass sich aufgeheizte Flächen weniger stark erwärmen. Gleichzeitig entsteht ein ganz anderer Umgang mit öffentlichem Raum. Essbare Städte bringen Landwirtschaft dorthin, wo sie im Alltag vieler Menschen kaum noch sichtbar ist. Wer selbst einmal eine Tomate auf einem öffentlichen Beet gepflückt hat, bekommt vielleicht auch wieder ein besseres Gefühl dafür, wann welches Gemüse Saison hat und wie viel Arbeit hinter Lebensmitteln steckt. Auch sozial können die Projekte einiges bewegen: Gemeinschaftsgärten bringen Menschen aus der Nachbarschaft zusammen, Wissen über Pflanzen und Ernährung wird weitergegeben und frische Lebensmittel sind unabhängig vom eigenen Garten zugänglich.
Von Hochbeeten bis zum Gemeinschaftsgarten
Wie unterschiedlich das Ganze aussehen kann, zeigen die Projekte in verschiedenen Städten. In Andernach in Rheinland-Pfalz beispielsweise wurden öffentliche Grünflächen nach und nach mit Gemüse, Kräutern, Obst und Beeren bepflanzt. Auch Tiere wie Bienen, Hühner oder Schafe gehören zum Konzept. Wer vorbeikommt, darf die reifen Lebensmittel ernten. Auch Düsseldorf setzt auf essbare Elemente im Stadtgebiet. Dort gibt es unter anderem öffentlich zugängliche Hochbeete und Obstbäume. Bürger*innen können sich außerdem an Gemeinschaftsgärten beteiligen oder unter bestimmten Bedingungen selbst ein Beet übernehmen.
In anderen Städten steht stärker das gemeinsame Gärtnern im Vordergrund. Dann treffen sich Anwohner:innen zum Pflanzen, Gießen und Ernten. Wieder andere Projekte nutzen Dächer, Hausfassaden oder kleine ungenutzte Flächen – gerade dort, wo Platz knapp ist.
Essbare Städte gibt es nicht nur in Deutschland
Die Idee der essbaren Stadt ist längst international. Als Vorreiter des Konzepts gilt Todmorden in England, wo 2008 die Initiative „Incredible Edible“ entstand. Aus der Idee, essbare Pflanzen an möglichst vielen Stellen im Ort anzubauen, entwickelte sich ein international bekanntes Modell.
Auch außerhalb Europas gibt es spannende Beispiele: In Havanna auf Kuba spielt urbane Landwirtschaft beispielsweise eine besonders große Rolle. Dort werden Lebensmittel auf unterschiedlichsten Flächen innerhalb der Stadt angebaut – von Gärten bis hin zu landwirtschaftlich genutzten Arealen.
In Brasilien wiederum entstehen essbare Gärten teilweise unter sehr ungewöhnlichen Bedingungen. Wo nur wenig Platz vorhanden ist, werden etwa Dächer oder vertikale Flächen genutzt. Selbst mit Erde gefüllte Plastikflaschen können zu kleinen Pflanzgefäßen für Salat, Kräuter oder Tomaten werden.
Das zeigt: Eine essbare Stadt muss nicht überall gleich aussehen. Entscheidend ist vielmehr, die vorhandenen Flächen kreativ zu nutzen.
Selbst ernten? Ja, bitte!
Wer eine essbare Stadt besucht, muss übrigens nicht unbedingt selbst zum Gärtner oder zur Gärtnerin werden. Viele Projekte laden ausdrücklich dazu ein, reifes Obst, Gemüse oder Kräuter zu pflücken. Dabei gilt natürlich: nur dort ernten, wo es auch tatsächlich erlaubt ist, und immer nur so viel nehmen, wie man selbst braucht.
Wer mehr machen möchte, kann sich bei lokalen Initiativen oder der Stadtverwaltung informieren. Oft werden Helfenden gesucht, die Beete pflegen, Pflanzen einsetzen oder bei Aktionen mitmachen.
© Fotos: Pexels / Karola G, Merilis Dayoff, Anastasia Shuraeva; Judith Hehl, unsplash / David Clode, Judith Hehl, Pexels Butwhosamy, Burak Akmanoglu
Nadine Pinezits
Nadine ist freiberufliche Redakteurin und Texterin. Sie lebt in Österreich und pendelt zwischen Salzburg und Wien. Sie ist somit entweder in den Bergen oder im Großstadtdschungel unterwegs, versucht aber gleichzeitig, so viel Zeit wie möglich in ihrem Herzensland Portugal zu verbringen.



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