die Idee der Schwammstadt
EIN GASTBEITRAG VON ANJA DILK
Überschwemmungen, Hitzeinseln, Trockenheit – Städte müssen sich dringend vor den Auswirkungen der Klimakrise schützen. Ein Konzept ist besonders vielversprechend: die Idee der Schwammstadt.
Vorbild Natur: Meeresschwamm
In Bad und Küche kennt sie jeder, das Meer ist ihr natürlicher Lebensraum: Schwämme, lateinisch Porifera. Die Tiere haben weder Organe noch Neuronen, sind in allen Weltmeeren zu Hause und werden bis zu 10.000 Jahre alt. Ihr lateinischer Name leitet sich aus den Wörtern porus für Pore und ferre für tragen ab. Denn ihre Struktur gleicht einem fein verästelten Skelett, das eine Vielzahl von Hohlräumen zusammenhält. Flexibel kann diese Struktur Wasser aufnehmen, temporär speichern und nach Bedarf wieder abgeben. Das ist nicht nur unter der Dusche hilfreich, sondern kann auch für Städte nützlich sein. „Schwammstadt“ oder „Sponge City“ heißt das Konzept, das sich weltweit gerade ausdehnt. Das Ziel: Den urbanen Wasserhaushalt klimafest machen.
Warum versiegelte Städte an ihre Grenzen stoßen
Denn durch die Klimakrise nehmen Extremwetterereignisse zu, Hitzewellen und Starkregen. Städte haben dem wenig entgegenzusetzen, denn der Großteil ihrer Fläche ist versiegelt. Bei Hitzewellen speichern Beton, Asphalt und Stein die Hitze wie ein Ofen, Kühlung wird überlebensnotwendig. Bleibt zudem Niederschlag aus, gibt es nicht mal Verdunstungskälte. Überspült dagegen Starkregen die Stadt, kann es auf den versiegelten Flächen nicht ablaufen, die Kanalisation ist überfordert. Also staut er sich auf den Straßen, der urbane Dreck fließt mit dem Regenwasser ungefiltert in die umliegenden Gewässer. Gleichzeitig verdorrt die Stadt trotz der Wassermassen. Denn der Boden kann das Wasser nicht halten, dabei bräuchten es die Pflanzen dringend, wenn die Hitzewelle kommt. Ein modernes Regenwassermanagement wird für Stadtplaner:innen und Kommunen daher immer wichtiger.
Die Bausteine der Sponge City
Damit all das funktioniert imitieren Sponge-Cities die porige Struktur der Poriferen im Meer und schaffen einen natürlichen Wasserkreislauf. Zum Beispiel mit Baumrigolen, einem unterirdischen System von Drainage-, Speicher- und Versickerungselementen, die Baumwurzeln umgeben. Oder mit begrünten Fassaden und Dächern sowie innerstädtischen Feuchtgebieten. So wird das Wasser dort gespeichert, wo der Niederschlag fällt – statt es wie bislang in die Kanalisation abzuleiten. Die kontinuierliche Verdunstung über die Grünflächen kühlt das Stadtklima ab. Stadtplaner:innen sprechen von einer grünen (z.B. Fassaden- und Dachgrün, grüne Freiflächen, Baumpflanzungen, große Pflanzgruben für Straßenbäume), blauen (z.B. künstliche Seen, Feuchtgebiete mit Überschwemmungswiesen und Wasserrückhaltebecken) und grauen (zB. Wasserdurchlässige Bodenbeläge, Sickerkästen, Zisternen ) Infrastruktur. Funktionierende Schwammstädte brauchen einen Mix aller Ansätze.
Schwammstadt Berlin
Beispiele gibt es mittlerweile in vielen Regionen. In der Rummelsburger Bucht in Berlin etwa wird bei Starkregen das Regenwasser in tiefergelegten, wannenförmigen Grünflächen, den sogenannten Versickerungsmulden, zwischengespeichert. Fast alle Dächer des Wohngebiets sind begrünt. Eine 80 cm dicke Schicht aus Erde und Pflanzen über den Tiefgaragen speichert das Regenwasser zusätzlich. Inzwischen müssen Neubaugebiete in Berlin garantieren, dass der Großteil des Wassers dort versickert, gespeichert wird oder verdunstet. Im Technologiepark und Wohngebiet von Berlin-Adlershof gibt es bereits statt Ableitungen in die Kanalisation nur noch grüne Versicherungsfläche und durchlässige Wege.
Der grüne Boom
Deutschlandweit boomen grüne Fassaden, ein Bestandteil von Schwammstadtsystemen. So weit wie am Kö-Bogen-2 in Düsseldorf, Europas größter grüner Fassade, gehen die wenigsten.) Doch schon jetzt sind 13 Prozent aller neu gebauten Dachflächen in Deutschland begrünt.
Und Kopenhagen hat sich seit 2011 nach dramatischen Überschwemmungen an die Spitze der Schwammstädte gesetzt, das Konzept mit gut 300 Einzelmaßnahmen soll bis 2035 umgesetzt sein. Im Kern steht der Umbau zu multifunktionalen Stadtflächen – von Parks über Sportplätze bis zu Höfen -, die sich bei Starkregen in flache Teiche und Rückhaltebecken verwandeln. Ein Unterirdisches System aus Speichertunneln leitet überschüssiges Wasser ab.
Sicher ist: So viele Elemente Schwammstadtkonzepte auch kombinieren mögen – ohne Flächen zu entsiegeln und dichten Asphalt und Pflasterstein gegen wasserdurchlässige Beläge wie Rasengittersteine oder verdunstungsaktive Öko-Pflastersteine zu ersetzen, bleibt die Schwammstadt Stückwerk. Sie ist unverzichtbar für eine wassersensible Stadtentwicklung.
An einem Punkt sind Kritiker:innen daher skeptisch: Wird es gelingen, Städte so umfassend umzubauen, damit das Schwammstadtprinzip tatsächlich nachhaltig funktioniert? Denn noch sind Maßnahmen oft nur punktuell, die Realisierungschancen unterscheiden sich erheblich von Stadt zu Stadt. Öffentliche Hand und Forschungsinstitutionen kurbeln daher seit drei, vier Jahren den Austausch in Wissenschaftskonferenzen und mit Projekten wie „Neues Europäisches Bauhaus weiterdenken“an. Damit die klimaresiliente Schwammstadt bald Wirklichkeit wird.
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