Gandum Village: Wo Nachhaltigkeit zum Lebensgefühl wird
Ein Gastbeitrag von Christine Neder von „Lilies Diary“
Es gibt Orte, die beeindrucken durch ihre Architektur. Andere durch ihre Lage oder ihren außergewöhnlichen Service. Und dann gibt es Orte wie das Gandum Village, die einen vor allem mit ihrer Vision berühren.
Schon bei unserer Ankunft hatte ich das Gefühl, dass hier etwas anders ist. Statt perfekt angelegter Hotelanlagen erstrecken sich Korkeichen, junge Bäume und weite Felder über das Gelände. Vögel zwitschern, ein kleiner Bach fließt über das Grundstück und überall entstehen kleine Momente, die zum Innehalten einladen. Schnell wird klar: Hier soll die Natur nicht Kulisse für einen Urlaub sein. Sie steht im Mittelpunkt.
Mehr als ein nachhaltiges Hotel
Hinter Gandum Village stehen Martina Wiedemar und ihr Mann João. Beide haben viele Jahre im Bereich Nachhaltigkeit gearbeitet – Martina als Geografin mit Schwerpunkt Klimawandel und nachhaltige Landwirtschaft, João als Berater für nachhaltige Entwicklung. Doch irgendwann reichte es ihnen nicht mehr, andere bei nachhaltigen Projekten zu begleiten. Sie wollten selbst einen Ort schaffen, an dem ihre Ideen Wirklichkeit werden. 2019 zog die Familie deshalb gemeinsam mit ihren drei Kindern von Lissabon in den Alentejo. Dort entstand Schritt für Schritt Gandum Village – nicht als klassisches Hotel, sondern als lebendiger Ort, an dem regenerative Landwirtschaft, nachhaltiges Bauen, erneuerbare Energien und Gemeinschaft zusammenfinden. Ihr Ziel war es nie, einfach ein weiteres Hotel zu bauen. Sie wollten zeigen, dass Nachhaltigkeit praktisch, attraktiv und wirtschaftlich tragfähig sein kann.
Nachhaltigkeit, die man erleben kann
Oft begegnet einem Nachhaltigkeit im Urlaub in Form kleiner Hinweisschilder: Handtücher bitte mehrfach benutzen oder Wasser sparen. Im Gandum Village fühlt sich Nachhaltigkeit völlig anders an. Die bestehenden Gebäude wurden behutsam renoviert, neue Häuser aus traditionellem Stampflehm gebaut – einer Bauweise, die nicht nur besonders ressourcenschonend ist, sondern sich auch wunderbar in die Landschaft einfügt. Auf den Dächern produzieren 170 Solarpaneele einen Großteil der benötigten Energie und rund um das Hotel entstehen neue Agroforstsysteme und neue Wälder. Mehr als 50.000 Bäume wurden hier bereits gepflanzt. Nachhaltigkeit ist hier kein Marketingkonzept, sondern Teil des täglichen Betriebs.
Wenn Regionalität plötzlich sichtbar wird
Mein absoluter Lieblingsort im Gandum Village war das Restaurant Provenance. Schon beim Betreten hatte ich das Gefühl, in einem Gewächshaus zu sitzen. Durch die großen Glasfronten fällt unglaublich viel Licht, überall blickt man ins Grüne und wenn die Fenster geöffnet sind, hört man nichts als Vogelgezwitscher und das Rascheln der Bäume. Es ist einer dieser Orte, an denen man am liebsten noch eine zweite Tasse Kaffee bestellt, einfach weil man gar nicht wieder aufstehen möchte.
Besonders beeindruckt hat mich das Frühstück. So habe ich es tatsächlich noch nirgendwo erlebt. Neben jedem einzelnen Produkt stand nicht nur, was serviert wurde, sondern auch, woher es stammt und welche Strecke es bis auf den Frühstückstisch zurückgelegt hat. Viele Zutaten kamen direkt vom eigenen Gelände. Gemüse, Kräuter oder Obst hatten teilweise 0 Kilometer Transportweg. Nur wenige Produkte legten eine längere Strecke zurück – der Käse von den Azoren war beispielsweise einer der „weitgereistesten“ Bestandteile des Buffets.
Diese Transparenz hat mich wirklich beeindruckt. Regionalität wird hier nicht nur kommuniziert, sondern ganz selbstverständlich gelebt. Das gilt übrigens nicht nur für das Frühstück. Auch mittags und abends setzt das Restaurant konsequent auf saisonale und regionale Zutaten. Und das Schöne: Das Provenance ist nicht nur für Hotelgäste geöffnet. Wer in der Region unterwegs ist, kann genauso zum Frühstück, Mittag- oder Abendessen einkehren – und allein dafür lohnt sich ein Besuch im Gandum Village.
Warum gerade der Alentejo?
Dass Gandum Village genau hier entstanden ist, überrascht eigentlich nicht. Der Alentejo bietet etwas, das in vielen Regionen Europas selten geworden ist: Weite, Ruhe, eine enge Verbindung zur Natur und den Freiraum, neue Ideen auszuprobieren.
Dabei war Portugal für Martina ursprünglich gar nicht als neue Heimat geplant. Ihr Mann João ist Portugiese, kennengelernt haben sich die beiden während eines Erasmus-Aufenthalts in der Schweiz. Als sie 2015 gemeinsam nach Portugal zogen, sollte es eigentlich nur für ein Jahr sein. Doch schon nach kurzer Zeit war beiden klar, dass sie bleiben wollten.
Vor allem der Alentejo begeisterte sie. Die ursprüngliche Landschaft, die Offenheit der Menschen und die hohe Lebensqualität schufen genau die Voraussetzungen, nach denen sie gesucht hatten. Hier fanden sie den Raum, ihre Vision eines Ortes Wirklichkeit werden zu lassen, an dem nachhaltiger Tourismus, regenerative Landwirtschaft und ein bewusstes Leben mit der Natur miteinander verbunden werden. Heute zeigt Gandum Village eindrucksvoll, dass Nachhaltigkeit nicht Verzicht bedeuten muss, sondern Lebensqualität, Komfort und Ästhetik auf ganz natürliche Weise zusammenbringen kann.
Die Region entdecken
Auch abseits von Gandum Village gibt es im Alentejo unglaublich viel zu entdecken. Für mich ist diese Region eine der ursprünglichsten Ecken Portugals. Hier geht es nicht darum, möglichst viele Sehenswürdigkeiten an einem Tag abzuhaken. Vielmehr lädt der Alentejo dazu ein, langsamer zu werden, durchzuatmen und sich einfach treiben zu lassen.
Martina verrät, dass sie besonders die frühen Morgenstunden liebt. Dann durch die Korkeichenlandschaften rund um Montemor-o-Novo zu spazieren, wenn die Temperaturen noch angenehm sind und die Natur langsam erwacht, gehört zu ihren persönlichen Lieblingsmomenten. Ebenso empfiehlt sie, den Sonnenuntergang von den Mauern der mittelalterlichen Burg von Montemor-o-Novo zu erleben. Diesen Tipp kann ich nur weitergeben. Der Blick über die sanften Hügel des Alentejo gehört zu den schönsten Ausblicken der Region.
Auch die kleine Stadt Montemor-o-Novo selbst solltet ihr nicht einfach links liegen lassen. Mir hat gerade gefallen, dass hier alles ein wenig ruhiger wirkt als in den bekannteren Städten Portugals. Schlendert ohne festen Plan durch die Gassen, setzt euch in eines der kleinen Cafés oder besucht die Igreja do Calvário mit ihren wunderschönen blau-weißen Azulejos. Wer gerne aktiv unterwegs ist, kann außerdem auf der ehemaligen Bahntrasse, der Ecopista de Montemor-o-Novo, zu Fuß oder mit dem Fahrrad die typische Montado-Landschaft erkunden.
Ein weiterer Ausflug, den ich euch ans Herz legen möchte, führt ins nur etwa 40 Minuten entfernte Évora. Die UNESCO-Welterbestadt begeistert mit ihren verwinkelten Gassen, historischen Bauwerken und einer wunderbar entspannten Atmosphäre. Besonders fasziniert haben mich die kleinen Häuser, die direkt in die Bögen des Aquädukts gebaut wurden – ein Detail, das man leicht übersieht und das Évora für mich noch einzigartiger macht.
Wer etwas mehr Zeit mitbringt, sollte außerdem eines der regionalen Weingüter besuchen oder über einen der lokalen Märkte schlendern, auf denen Produzenten ihre Spezialitäten und ihr Handwerk anbieten. Und wenn die Sonne schließlich untergeht, wartet noch ein weiteres Highlight: Der Alentejo besitzt einige der dunkelsten Nachthimmel Europas und bietet perfekte Bedingungen, um fernab von Lichtverschmutzung die Sterne zu beobachten. Für mich ist das einer dieser Momente, die den Zauber dieser Region besonders spürbar machen.
Ein Ort, der zum Nachdenken anregt
Als wir Gandum Village wieder verließen, nahm ich nicht nur schöne Erinnerungen mit. Vor allem blieb ein Gedanke hängen: Wie würde unsere Welt aussehen, wenn mehr Orte nach diesem Prinzip funktionieren würden?
Hier wird Nachhaltigkeit nicht als Verzicht verstanden, sondern als etwas, das Lebensqualität schaffen kann. Sie zeigt sich in den Materialien, aus denen gebaut wird, in den Lebensmitteln auf dem Teller, in den Bäumen, die gepflanzt werden, und in der Ruhe, die diesen Ort umgibt.
Vielleicht ist genau das das Besondere am Gandum Village. Man reist nicht nur mit schönen Fotos nach Hause, sondern mit neuen Ideen – und der Lust, selbst an der einen oder anderen Stelle etwas bewusster zu leben.
Christine Neder von „Lilies Diary“ war für uns auch in Portugal im Craveiral Farmhouse und in Island im Barn House
© Text und Fotos: Christine Neder, Portrait Besitzer / Gandum Village



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