Wo der Bayerische Wald lacht
Der Vierseitenhof Moosham 13 im Bayerischen Wald ist eine architektonische Schönheit bei Grafenau. Pur, zeitlos, liebevoll. Wie schafft man das? Gastautorin Anja Dilk hat sich vor Ort umgeschaut.
Küchlein, Käse, Kräuterquark
Es ist ein sonniger Morgen in Grafenau, der Blick aus dem Fenster reicht über Hügel und Wiesen bis zur Waldkante am Horizont. Das Frühstück steht schon duftend vor der Tür, besser kann mein Tag nicht anfangen. Ein Holztablett, gefüllt mit Sauerteigbrot, süßen Küchlein, Kräuterquark, Käse, Rhabarber-Ingwer-Marmelade, Gemüsesticks, alles selbstgemacht und aus dem eigenen Garten. Und zwei Eier, vielleicht von Frieda, dem Baustellenhuhn? „Ach nein“, verrät Verena später und lacht. „Sie ist schon längst nicht mehr bei uns.“
Frieda, das Baustellenhuhn
Verena Windorfer-Bogner ist Gastgeberin von Moosham 13, einer Unterkunft im Bayerischen Wald. Vor mehr als zehn Jahren haben sie und ihr Mann Reinhold den alten Vierseitenhof seiner Eltern in der Nähe des niederbayerischen Städtchens übernommen. Zwei Jahre lang war Baustelle und Frieda, das Huhn, heftete sich immer wieder neugierig an die Fersen der Bauarbeiter, manchmal sprang sie in einen LKW oder Bagger und fuhr ein wenig mit. „Also nannten wir sie bald Frieda, das Baustellenhuhn“, sagt Reinhold.
Heute wohnen die Hühner in einem kleinen Bauwagen vor der Scheune. Reinhold hat ihn bunt gestreift angemalt wie die Fassade des Museums Brandhorst in München. „Wir lieben Kunst“, sagt Reinhold. „Und Architektur“, sagt Verena. Viele Freunde von Verenas Eltern waren Architekten, schon als Kleinkind ging sie mit nach Sans Souci oder ins Bauhaus-Musem. „Genauso schätzen wir traditionelle Baukultur“, sagen beide. So ist ein Mix entstanden, der kernsanierten Hof und die beiden Ferienwohnungen von Moosham13 so besonders macht: Pur und grade; alt und neu gekonnt verwoben; die Farben reduziert, Braun, Beige, Grün, mattes Schwarz, die Flächen glatt und weitläufig.
Verena und Reinhold
Dabei sind Verena und Reinhold selbst keine Architekt:innen, erzählen sie mir am Nachmittag bei einem Rundgang durch den Vierseitenhof. Sie hat Politik und Kulturwissenschaft studiert, nebenher eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin gemacht, um in Zeiten der Akademikerarbeitslosigkeit ein solides Standbein zu haben. „Dann habe ich meine Freude an Organisation entdeckt.“ Sie wurde Assistentin bei einer Unternehmensberatung, baute ein Infozentrum für Touristen auf. Heute arbeitet sie als Assistentin in der Technischen Hochschule Deggendorf. Er ist Forstwissenschaftler, sattelte einen Master in nachhaltigem Ressourcenmanagement drauf, arbeitete jahrelang in der Finanzbranche als Analyst für nachhaltiges Investment. „Aber das hat mich nicht zufrieden gemacht.“ Heute pflegt er die 30 Hektar Grünland und Wald auf dem Besitz seiner Eltern und handelt mit dem Holz der Stämme.
Verena und Reinhold sind in Grafenau aufgewachsen, sie kennen sich noch aus Schulzeiten. Später zogen sie für ihre Jobs nach München. Aber losgelassen hat sie der Bayerische Wald nie. „München war zu voll, zu eng. Zur Erholung sind wir immer häufiger nach Grafenau zurück“, erzählt Verena. „Irgendwann war da die Idee: Warum machen wir nicht ein Wochenenddomizil daraus?“ Reinhold: „Aber wir haben schnell gemerkt: Wir wollten ganz zurück und ein lebendiges Umfeld schaffen, das auch andere Menschen anzieht.“ Wie wäre es mit Ferienwohnungen? 2015 packten sie ihre Koffer und zogen zurück.
Vom Self-made-Traum zum Architekturprojekt
Aus dem kleinen Self-made-Traum Wochenendwohnung wird ein großes Architekturprojekt. „Aber wir haben so viel es ging selbst gemacht“. Wochenlang bürsten Verena und ihre Mutter bei der Kernsanierung den Dreck aus den Balken des alten Wohnhauses, damit die Holzstruktur herauskommt. Im ehemaligen Heustadel entsteht das Loft des Paares. Reduziert, ohne Schnickschnack. Glastüren trennen Schlaf- und Arbeitszimmer ab. Das Holz für die Böden in Loft und Ferienwohnungen darunter kommt aus dem eigenen Wald. Im Treppenhaus werden Sichtfenster ins Mauerwerk geschnitten, mal quadratisch und kompakt, mal lang und erhaben. Sie sind wie moderne Bilderrahmen für kleine Ausblicke: auf den alten Getreidespeicher und die ehemalige Schreinerwerkstatt des Großvaters, den verwunschenen Innenhof und die satte Hügellandschaft des Bayerischen Waldes. Geheizt wird mit Kupferrohren in den Wänden, die die Mauern erwärmen, die meisten Möbel in den Ferienwohnungen fertigen Schreiner der Region. An der Wand im Erdgeschoss sind einige Steine der alten Granitmauern freigelegt, es ist wie ein Gemälde eingerahmt vom Naturkalk an der Wand drumherum.
„Nachhaltigkeit war für uns nie ein Thema – sie ist eine Selbstverständlichkeit“, sagt Verena. „Wir haben das von Reinholds Eltern gelernt, die weiter mit uns auf dem Hof wohnen.“ Schon in den 1980ern setzten sie auf Biogemüse, experimentierten mit alten Sorten. Sie brachten Reinhold und Verena bei, dass Holz, egal ob Tisch oder Boden, nicht behandelt werden muss, nicht mal mit Öl, sondern einfach sein darf, wie es ist und so noch schöner bleibt.
Neue Pläne? Einerseits nein:
„Ich bin niemand, der immer wieder neu arrangiert. Ich freue mich, wenn etwas funktioniert und stimmig ist. Dann kann es bleiben“.
Andererseits ja: Natürlich gibt es neue Ideen.
Kleine Naturkabinen für Short Stays
Verena führt mich zu den mobilen Zelten im Hof, die aussehen wie kleine Wohnwagen aus Stoff auf einem Metallgestell: die Naturkabinen. „Ich will hier ein Angebot für Gruppenreisen, Workshoprunden und Yogaretreats aufbauen.“ Das kann ich mir gut vorstellen, wo sonst kann man so tiefenentspannen wie hier in der wunderschönen Ruhe am östlichen Rand des Bayerischen Waldes? Die Sanitäranlage im Moosham13-Style an der Einfahrt ist schon fertig – unbehandeltes Holz, viel Schwarz und klare Linien. Die alte Gaststube zum Hof haben Reinhold und Verena neu herausgeputzt. Noch baut Verena ihr Netzwerk aus, streckt die Fühler nach Kooperationspartnern aus. „Aber Durchreisende können die Cabins und Stellplätze für einen Campingwagen jetzt schon für Short Stays mieten.“
Von der Kochprüfung zum Sellerieschnitzel
Und Reinhold? „Ich habe einen neuen Job“, sagt er und grinst. „Ich bin frisch gelernter Koch.“ Im Januar war Abschlussprüfung. Entstanden war die Idee vor ein paar Jahren bei einem Dinner im Restaurant Re(h)serviert in Oberfrauennau 20 Kilometer entfernt. Welch köstliche französisch-bayerische Küche, wie schön wäre es so etwas Berufliches zu machen. „Mach doch“, hatte Verena gesagt. Ein paar Tage später entdeckte Reinhold eine Anzeige auf ebay: Restaurant Re(h)serviert sucht Küchenhilfe. Er bewarb sich, bekam den Job, arbeitete sich hoch und machte auf eigene Faust die Koch-Prüfung bei der Industrie- und Handelskammer. „Ein Riesenstress“, sagt Reinhold, „und superschön“. Am Wochenende rührt er nun Sößchen, Saibling oder Sellerieschnitzel für Gourmets der Region.
Reinhold holt eine Schubkarre mit Feuerholz. Der Kamin braucht Nachschub. Nachher bereitet er noch ein wenig „Genuss im Glas“ vor, Mittag- und Abendessen, meist vegetarisch oder vegan, für Gäste auf Wunsch vor die Tür geliefert. So wie das Frühstück. Verena füttert die Hühner im Bauwagen, stellt Liegestühle und Terrassentischchen auf und verschwindet in ihr Büro im ehemaligen Heustadel. Die Sonne steht nun schon hoch am Himmel. Ich schnappe Jacke und Wanderrucksack. Der Bayerische Wald lacht. Einfach schön.
© Fotos: Anja Dilk, Moosham 13



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