Von Lanzarote Nach Berlin per Schiff und Zug
Ein Gastbeitrag von Anja Dilk
Im Containerhafen ist Mittagszeit. Die Sonne brennt auf die breite Zufahrtsstraße zum Port los Marmelos, Quellwolken ziehen über den Himmel. Im Gewirr von Containern, Verladekrähnen, Lastern und Absperrgittern bewegt sich nichts, nicht mal das Kreischen von Möwen ist zu hören. Naveria Armas steht auf einem weißen Häuschen neben dem Kai, drinnen ein Wartesaal. Hinter dem Ticketschalter spielt eine Frau gelangweilt auf ihrem Handy. Ich setze den Rucksack ab und lasse mich auf eine der roten Sitzschalen an der Wand sacken. Das Meer plätschert müde an den Kai.
Von Lanzarote nach Berlin mit Schiff und Zug – das ist mein Experiment
Zwischen 1400 und 1700 Kilogramm Co2-Äquivalente entstehen Flug Berlin-Lanzarote und zurück, je nach Berechnungsgrundlage, Wetter, Route, Flugzeugtyp, Reiseklasse. Je nachdem wie stark man weitere Effekte wie Kondensstreifen und Methanausstoß einberechnet können die Emissionen für den einzelnen Flug noch wesentlich höher liegen. Der Tourismus ist für 8 bis 10 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich, 49 entstehen durch An- und Abreise. Neun Prozent aller Reisen sind Fernreisen – allein sie sind für die Hälfte der Flugemissionen im Reisesektor verantwortlich.
Und mehr Menschen denn je reisen in die Ferne. Aber wie anders weit weg kommen als mit dem Flieger? Land und Wasser sollen wesentlich umweltfreundlicher sein. Also los. Eigentlich hätte das Experiment in Berlin beginnen sollen, aber dazu später.
Zweimal die Woche, donnerstags und samstags, bringt eine Fähre Reisende von der spanischen Küstenstadt Cadiz nach Lanzarote und zurück. 33 Stunden dauert die Fahrt übers offene Meer. Entsprechend gering ist die Nachfrage. Touristen verirren sich nur selten auf die weiß-roten Schiffe von Naveria Armas.
Wieviel CO2 verbraucht man bei einer Schiffsfahrt?
Tag eins. 14 Uhr. Langsam fährt die Volcan de Tinamar an den Quai, wie aus dem Nichts ist die Fähre aufgetaucht. „Willkommen an Bord“, säuselt der Rezeptionist und reicht hat die Zimmerkarte für die Kabine über den Tresen. Eine Stunde später legt die Volcano ab. Es riecht nach Diesel.
Fähren sind zwar keine schwimmenden Städte wie Kreuzfahrt-Cruiser, aber auch sie werden von umweltschädlichem Treibstoff angetrieben. Wieviel CO2 spart eine Reise über Wasser und Land also tatsächlich? Schließlich ist der Fähranteil auf meiner Reise. Der CO2-Rechner auf der Reise der Reederei spricht von Einsparungen zwischen 70 und 90 Prozent, je nach Strecke. Als Quelle verweist sie auf die Studie des britischen Umweltamtes. Demnach werden bei einer Reise auf einer Fähre als Fußgänger nur 19 g CO2 Äquivalente pro Personenkilometer ausgestoßen, im Vergleich zu 246 g mit dem Flugzeug.
Diese Zahlen sind umstritten, vor allem, weil hier nur das Gewicht des einzelnen Passagiers eingerechnet wird, nicht auch die Infrastruktur für seinen Aufenthalt an Board. Restaurant, Bar, Kabinen, Schlafsessel, Toiletten. Doch für eine genaue Berechnung der Fähremissionen fehlt es an Daten und Transparenz. Der Nachhaltigkeitsverband Forum anders Reisen hat in einem aufwändigen Projekt daher aus unterschiedlichen Quellen Daten zusammengetragen, mit eigenen Berechnungen ergänzt und so einen Mittelwert geschätzt.
Als Fußpassagier komme ich demnach auf 142 g CO2 Äquivalente pro Personenkilometer. Für die gesamte Schiff-Bahn-Reise Hin- und zurück von Frankfurt nach Gran Canaria als Fußpassagier kommt das Forum anders reisen auf 500 kg CO2 Äquivalente, ein Direktflug Hin-Rück emittiert fast dreimal so viel. Und Lanzarote – Berlin ist etwa die gleiche Größenordnung.
zwei Tage auf dem MeeR: Seegang und sonnenuntergänge
In der Hochsaison sind auf der Volcano bis zu 400 Menschen an Bord, verrät der Chef des Schiffsrestaurants. Jetzt, im November, sind es vielleicht gerade mal 50. Bewohner:innen der Kanarischen Inseln, Rentner:innen, Beschäftigte von Logistikunternehmen.
19.30 Uhr. Die Holz-Bar neben dem kleinen Salzwasserpool am Heck füllt sich. Spanisch-Pop dudelt aus den Boxen. Der Himmel ist gesäumt von Tausenden kleiner Wolkenkugeln, die wie rote Feuerbälle ins Meer zu fallen scheinen. „Ich werde mich nie daran satt sehen“, sagt die Barfrau. „Aber das Meer ist launisch.“ Vergangene Woche waren Dutzende Passagiere übel Seekrank.“ Der Sturm ließ die Teller hüpfen, einige Häfen waren in der Nacht gesperrt. Alle Stühle im Schiffsrestaurant im Boden sind angekettet.
Cadiz: Der duft gebratener Garnelen und das lachen von Menschen in den Bars
Tag zwei. Die Langsamkeit des Reisens ist ein Entspannungssog. Frühstück, Sonnendösen, Schläfchen, Sonnendösen. Spanisch-Pop, Meerplätschern, leises Geschirrklappern. In der Ecke mit theoretischem Onlinezugang drängt sich frustriert eine Männerrunde, Handy taugt hier nicht mal als Telefon. Deckspaziergang. Abendessen, Sonnenuntergang. Plötzlich die Lichter von Cadiz am Horizont.
Eineinhalb Tage Schiffsreise liegen hinter mir, eine beschwingende Gleichzeitigkeit von Slowmotion-Modus und Zeitraffer, so intensiv, so verdichtet ist das Erleben. Erst die Frische des Klimas der Kanaren, dann der salzige Wind, der über das Meer jagt, dann der Mix von frischem Fisch und Diesel im Containerhafen, die bullige Wärme über der Stadt, die die alten Häuser ausdünsten. Der Duft gebratener Garnelen, von Rotwein, Bier, das Lachen der Menschen an den vollen Stehtischen vor den Bars, das nächtliche Gedränge in den engen Gassen. Die Kathedrale leuchtet vor dem Nachthimmel, in den Palmen am Plaza de San Juan de Dios schimmern Lichterketten. Es ist 18 Grad und Weihnachten nicht mehr weit. Bis nach Mitternacht streife ich allein durch die lebensfrohe Schönheit von Cadiz.
Wie bucht man nur so eine Reise?
Ich hatte es mir so leicht vorgestellt: einen Zug buchen von Cadiz nach Berlin. Aber Bahnreisen sind auch in Europa national organisiert, Anschlüsse und Buchungsmöglichkeiten enden oft an den Grenzen, ein gemeinsames Ticketing gibt es nicht, außer Kooperationen über das Gutscheinsystem Interrail. Plattformen für Zugreisende wie Omio, Trainline oder Simple Train machen die Suche nach Verbindungen zwar leichter. Aber spätestens beim Klick auf den Buche-Button ploppt durchweg die Meldung auf: Leider nicht verfügbar. Auf Zugreisen spezialisierte Reiseagenturen wie Kopfbahnhof, Bahnfüchse oder Gleisnost setzen hier an. Binnen weniger hatte ich die Tickets von Gleisnost im Maileingang.
Tag 3. 7:00 Uhr. „Was ist das für ein Ticket? Kenn ich nicht“, die Dame am Abfertigungsschalter in Cadiz zuckt die Schultern und weist auf die Schlange zu Gleis drei. Schlange stehen zum Gleis? Oha. Ich hole mir ein Bocadillo am morgenleeren Bahnhofskiosk, fädle mich ein, der Schaffner nickt, Interrail, alles klar. Zwanzig Minuten später sitze ich auf blauem Velours am Fenster und sehe der hügeligen Landschaft beim Vorbeigleiten zu.
Sevilla: Pünktliche Ankunft
12.23 Uhr. Pünktlich auf die Minute erreicht der Zug Sevilla. Die europäischen Zugverbindungen sind lückenhaft und unübersichtlich, das deutsche Schienennetz kaputtgespart und überlastest, und doch wächst die Nachfrage gewaltig. Allein von 2019 bis 2024 stieg die Zahl der Bahnreisenden in Europa laut Eurostat von 6,5 auf 10 Millionen. Allerdings werden laut Reiseanalyse 2025 immer noch nur 6 Prozent der Reisen mit dem Zug zurückgelegt, 47 Prozent mit dem Flugzeug. Der Zug liegt unangefochten auf Platz eins der umweltfreundlichsten Verkehrsmitteln, noch vor dem Fernbus und egal mit welcher Energie er angetrieben wird: 10-12 g CO2-Äquivalente pro Personenkilometer. „Wir sollten Zugstolz beleben, statt auf Flugscham zu schauen“, sagt Energieexperte Jacob Rohm von German Watch. Allerdings: 3,5 Tage hin, 3,5 Tage zurück – die Zeit muss man sich nehmen.
barcelona: Ein bahnhof wie ein flughafen
14 Grad, Barcelona. Der Bahnhof gleicht einem Flughafen. Eine nie enden wollende Halle. Zwanzig Minuten für den Umstieg, ich renne an Dutzenden von Gates vorbei bis Halle A, Sicherheitskontrolle, Sprint zu Schalter 23, Dirección Paris. Bislang wartet nur ein Mann in Lederjacke vor dem Absperrband. Wo sind die anderen, der Zug geht in 15 Minuten? Ein Mitarbeiter der französischen Zuggesellschaft SNCF tritt ans den kleinen Tresen, öffnet das Absperrband und scannt mit dem Handys mein Ticket. „Bonjour Messieurs Dames, unser Zug nach Paris/Gare du Lyon fährt in 10 Minuten“. Ich drehe mich um, gut 300 Leute haben sich inzwischen versammelt. Im Pulk geht es die Treppe runter zu Gleis 23.
Paris: Schneeflocken am Himmel
Kilometerlang rauscht der TGV durch Tunnel, Pyrenäen, Aquitanien, Zentralfrankreich, hügelige Wiesen, Schirmzypressen, Wäldchen, Felder, kleine Dörfer, dann geht die Sonne unter. Frankreich versinkt in der Nacht. Im Zug ist es ruhig, selbst im TGV-Inoui Bistro, dem Bordrestaurant. Kurz vor Mitternacht stehe ich am Gare de Lyon. Vor dem nachtblauen Himmel malen sich die cremeweißen, verschnörkelten Altbauten von Paris ab, als lägen sie auf einer dunklen Leinwand. Kleine Schneeflocken fallen vom Himmel. Ich ziehe die Kapuze hoch und eile zum Hotel Aurore gegenüber.
Berlin: countdown – noch acht stunden
Tag 4. Ein Grad, noch acht Stunden nach Berlin. Nach dem Metrodurcheinander zum Gare du Nord, regeln wieder Tickets den Zugang zum Gleis. Vom Bahnsteigchaos in Deutschen Bahnhöfen war bisher auf meiner Reise nichts zu sehen. Um zehn durchschneidet der ICE „Amitié franco-allemand“ die schneeweiße Landschaft Richtung Belgien.
Gestern 15 Stunden Zug, heute 8, es ist kommt mir viel kürzer vor und gibt doch ein Gefühl wie groß Europa ist, schon ein kleines Stück davon. Der Wechsel von Sprachen, Landschaft und Wetter, von Temperatur, Städten und Architektur, von Gerüchen und Stimmungen gleicht einem kurzweiligen Film, in dem ich als stumme Begleiterin im Hintergrund mitspiele. Anstrengend? Tatsächlich gar nicht. Und erstaunlich: Im ICE ist es an diesem Tag am heitersten auf der ganzen Bahnreise, lebendiger als im spanischen Board-Bistro. Pralle Fröhlichkeit, Geplauder, ein Kennenlernlabor.
„Meine Damen und Herren, wir erreichen in wenigen Minuten Berlin Hauptbahnhof.“ Es ist 18.05 Uhr. Nach 75 Stunden bin ich zu Hause. Wir sind nicht mal zu spät.
P.S: Ich schulde euch noch die Auflösung vom Anfang der Geschichte. Warum beschreibe ich die Rückfahrt und nicht den Hinweg zu meinem Reiseziel? Vier Tage vor Abreise liegt eine Nachricht von Glasnost im Maileingang: Die Fährgesellschaft hat das Schiff von Cadiz nach Arrecife gecancelt. Für die Hinreise bleibt nur der Flug.
Die ganze Reportage lest ihr ab Samstag bei Good Impact.
Text und Fotos: Anja Dilk
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