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Mann schaukelt an Seilen zwischen Palmen hoch über dem nebligen Dschungel von Bali

Hidden Gems: Wenn das Besondere zum Problem wird

„Hidden Gems“, also vermeintlich geheime, unentdeckte Orte, stehen bei vielen Reisenden inzwischen ganz oben auf der Liste. Ob ein versteckter Strand, ein kleines Café in einer Seitengasse oder ein Aussichtspunkt ohne Touristenmassen: Alles, was als „Geheimtipp“ gilt, wirkt besonders attraktiv. Eine Frage, die unweigerlich aufkommt, ist, warum wir eigentlich so stark von dieser Idee des Versteckten angezogen werden und was passiert, wenn Geheimtipps plötzlich nicht mehr geheim sind.

Der Reiz des vermeintlich Versteckten

Der Begriff „Hidden Gem“ hat sich in den letzten Jahren fest in unserer Sprache verankert. Er beschreibt Orte, die als geheim, unentdeckt oder zumindest noch nicht vom Massentourismus erfasst gelten. Doch ganz ehrlich: Mit Instagram, TikTok und Google Maps ist kaum noch etwas wirklich geheim. Und trotzdem halten wir hartnäckig an dieser Vorstellung fest. Warum eigentlich? 

Ein Teil der Antwort ist meiner Meinung nach ziemlich menschlich. Wir wollen nicht einfach nur irgendwo hingehen, wir wollen das Gefühl haben, etwas Besonderes gefunden zu haben. Etwas, das nicht im Standard-Reiseführer steht. Psychologisch steckt dahinter ein Bedürfnis nach Individualität und Abgrenzung: Ich bin nicht wie alle anderen Reisenden, ich kenne den „echten“ Ort. Das fühlt sich gut an, fast ein bisschen wie ein kleines Statussymbol.

Nur kommt, dass viele Menschen genau dieses Gefühl selten für sich behalten. Wer etwas „entdeckt“, will es oftmals auch zeigen. Genau dadurch wird aus einer persönlichen Entdeckung sehr schnell etwas Öffentliches. Leider kann es dadurch auch dazu kommen, dass sich die Anwohner beschweren. Du darfst dort zwar noch fotografieren – aber mit Einschränkungen im Sinne von „Benimmregeln“, nicht als offizielles Verbot.

Bunte Pastellhäuser mit Topfpflanzen entlang der Rue Crémieux im 12. Arrondissement

Ruinieren die sozialen Medien geheime Orte? (Spoiler: Ja!)

Und genau dieses Bedürfnis verschwindet nicht, sobald wir online gehen, im Gegenteil: Es findet dort ein perfektes Ventil. Denn Social Media verstärkt genau die Logik von Besonderheit und Exklusivität. Plattformen belohnen das Besondere, das Visuelle, das „Unbekannte“. Ein Post mit „geheimer Spot“ funktioniert algorithmisch oft besser als ein klassisches Landschaftsbild, einfach weil er Neugier triggert und das Gefühl vermittelt, etwas zu sehen, das andere noch nicht kennen. Gleichzeitig entsteht aber ein Widerspruch: Je mehr wir etwas als geheim inszenieren, desto schneller wird es öffentlich. Der Begriff „Hidden Gem“ ist somit eigentlich ein Selbstzerstörungsmechanismus: Sobald er funktioniert, stimmt er nicht mehr.

Das Problem ist, dass diese Dynamik nicht nur eine sprachliche Spielerei bleibt, sondern oftmals reale Folgen hat. Orte, die eigentlich unbekannt und ruhig sind, werden plötzlich überrannt. Kleine Cafés, ruhige Naturplätze oder Wohngegenden sind oft nicht darauf ausgelegt, plötzlich große Besucher:innenströme zu bewältigen. Das bedeutet folglich oftmals: mehr Müll, mehr Lärm, überfüllte Wege und ein wachsender Druck auf die lokale Infrastruktur. Im Falle der schiefen Palme auf Lanzarote haben sich die Bewohner über den plötzlichen Ansturm so lange beschwert, bis es sie plötzlich nicht mehr gab. Und keiner weiß wer es war.

Schiefe Palme wächst auf schwarzem Vulkanboden mit Vulkankegel im Hintergrund

Die Debatte rund ums Geotagging

Immer mehr Menschen stellen sich daher die Frage, ob man bestimmte Orte überhaupt öffentlich teilen sollte. Besonders bei sensiblen Naturgebieten oder privaten Rückzugsorten entsteht ein Spannungsfeld zwischen dem Wunsch zu teilen und der Verantwortung zu schützen. Ich tagge seit Langem keine genauen Orte mehr auf Social Media. Mein kleiner Badesee zuhause mit dem smaragdgrünen Wasser und den ruhigen Buchten sowie die eine kleine Wanderung mit dem tollen Ausblick, sollen den Einheimischen vorbehalten bleiben und keine Reisebusse anlocken, die ihre Gäste für ein Foto die Pfade stürmen lassen.

Diese Entscheidung ist aber nicht so eindeutig, wie sie vielleicht klingt. Denn sie bedeutet auch, bewusst Dinge unsichtbar zu lassen und damit anderen Menschen potenziell den Zugang zu etwas Schönem zu verwehren. Was für mich ein geschützter Ort ist, könnte für jemand anderen genau dieser besondere „Geheimplatz“-Moment sein, nach dem er oder sie sucht. Und trotzdem bleibt für mich das Gefühl, dass „meine“ Orte besser aufgehoben sind, wenn ich sie nicht teile (sorry).

Rosa Fassade des Restaurants La Maison Rose in Montmartre mit grünen Stühlen und Lichterkette

Geht es schlussendlich gar nicht um Geheimtipps?

Vielleicht ist das eigentliche Problem auch gar nicht, dass bestimmte Orte zu wenig Aufmerksamkeit bekommen oder andere zu viel. Eher, dass wir angefangen haben, Orte ständig in „besonders“ und „zu bekannt“ einzuteilen, als würde ihr Wert automatisch sinken, sobald mehr Menschen sie kennen.

Dabei stimmt das meiner Meinung nach so nicht ganz. Ein überlaufener Berg oder Strand sind anstrengend, klar. Aber sie sind (meistens) nicht automatisch weniger schön. Und ein „geheimer Spot“ ist nicht zwangsläufig besser, nur weil er schwerer zu finden war. Ich denke, wir verlieren gerade eher den Blick dafür, dass gute Orte nicht davon abhängen, wie viele sie kennen. 

Wichtiger als die Suche nach neuen, versteckten Orten ist möglicherweise also die Frage, warum wir Orte überhaupt danach bewerten, wie „hidden“ sie sind und ob diese Einteilung den meisten Orten überhaupt gerecht wird.

 

© Fotos: unsplash / Jared Rice, Pexels / Suzanne Appealin, unsplash / Melvin Motures, Pexels / Celine

Nadine ist freiberufliche Redakteurin und Texterin. Sie lebt in Österreich und pendelt zwischen Salzburg und Wien. Sie ist somit entweder in den Bergen oder im Großstadtdschungel unterwegs, versucht aber gleichzeitig, so viel Zeit wie möglich in ihrem Herzensland Portugal zu verbringen.

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