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Bahnhöfe

Wo niemand bleibt: Was Bahnhöfe über uns erzählen

Ich, Nadine von Good Travel, habe hier auf dem Blog ja schon das ein oder andere Mal davon erzählt, dass ich einen guten Teil meiner Zeit in Zügen verbringe. Wenn man an zwei Orten gleichzeitig lebt und nicht so gerne Auto fährt, ist das nun mal die logischste Lösung. Und in meinen Augen auch die Beste. Ich liebe das Zugfahren. Es gibt mir Zeit, einfach mal nichts zu tun. Der Laptop und das Buch bleiben immer zu und ich verbringe meine Zeit an Board meistens damit, die vorbeiziehende Landschaft aus dem Fenster zu beobachten und ein paar Gedanken zu ordnen.

Das Zugfahren an sich ist für mich eine Freude, die Aufenthalte auf den Bahnhöfen auch. Denn man lernt an Bahngleis, im Bahnhofs-Kiosk und beim Bäcker in der Empfangshalle immer viel. Über sich selbst, aber auch über alle anderen Reisenden.

Nicht alle Bahnhöfe sind gleich

Ich war in Europa schon an einigen Bahnhöfen – von Budapest über Stuttgart bis hin zum Gare du Nord in Paris. Und ich habe gelernt: Es gibt Orte, an denen Warten sich leicht anfühlt und solche, an denen es ein bisschen schwerer ist. Während mein Heimatbahnhof in Salzburg vor einigen Jahren wunderschön saniert wurde, nun mit ganz viel Licht durchflutet ist, sich größtenteils in hellen Farben hält und ich dort wirklich gerne am Gleis auf meinen Zug nach Wien warte, waren andere Bahnhöfe architektonisch eher bedrückend, ja fast schon deprimierend. Da kann der genüssliche Spaziergang zum Gleis schon mal fast zu einem Sprint werden. Bahnhöfe sind demnach keine Ausnahme, wenn es darum geht, wie wohl man sich an einem Ort fühlt und wieviel Zeit man dort verbringen möchte. Ja, manche Bahnhofsgebäude sind sogar so beeindruckend gestaltet, dass sie fast selbst zu Sehenswürdigkeiten werden. Sie werden von Tourist:innen aufgesucht, auch ohne, dass jene danach in einen der Züge einsteigen.

An Bahnhöfen tickt die Zeit ein bisschen anders

An Bahnhöfen wird auch das Konstrukt Zeit unfassbar spürbar. Fünf Minuten können nichts sein oder sich anfühlen wie eine halbe Ewigkeit, je nachdem, ob der Zug schon auf der Anzeigetafel steht oder immer wieder um „+5“ nach hinten rutscht. Wenn ein Zug Verspätung hat, gibt es spannenderweise auch immer die gleichen Rollen, die wir Menschen einnehmen. Da gibt es die, die sofort aufspringen und hektisch Richtung Anzeige laufen, als könnte sich die Information ändern, wenn man nur nah genug dran ist. Dann gibt es die, die laut fluchen oder schon in der Bahn-Hotline am Telefon hängen. Und die wenigen, die einfach sitzen bleiben und beobachten, als hätten sie verstanden, dass sich an dieser Situation gerade nichts beschleunigen lässt.

Ich hätte früher vermutlich zu denen gehört, die nervös auf und ab gehen. Inzwischen sitze ich einfach da und warte. Je öfter man etwas macht (Zugfahren in dem Fall), desto gelassener wird man nämlich. Vielleicht ist das sogar eine der unspektakulärsten, aber wichtigsten Lektionen, die man auf Bahnhöfen lernen kann: Geduld. 

Geduld am Bahnhof

Ein Ort, der soziale Normen außer Kraft setzt

An Bahnhöfen ist man zudem selten alleine (außer man strandet um Mitternacht am Münchener Ostbahnhof, weil die DB mal wieder einen Zug ausfallen hat lassen). Man ist umgeben von Menschen und doch ist man für niemanden wirklich jemand. Vielleicht benehmen wir uns genau deshalb dort oftmals anders. Ungeduldiger, rücksichtsloser. Oder im Gegenteil: überraschend hilfsbereit. Es ist fast so, als würde der Alltag an Bahnhöfen kurz pausieren und mit ihm die Version von uns selbst, die wir sonst so sorgfältig aufrechterhalten. Wenn Zugausfälle oder Verspätungen stattfinden, lösen sich soziale Normen auf. Man bildet plötzlich mit völlig Fremden eine Einheit, beratschlagt sich, starrt gemeinsam auf die Anzeigentafel, googelt nach Alternativen. 

Manchmal verändern sich an Bahnhöfen durch gemeinsame Schicksale sogar ganze Räume. Ich erinnere mich an einen Aufenthalt im Tiroler Jenbach letzten Winter. Unser Zug hatte eine massive Verspätung, also sind eine Freundin und ich in das kleine Bahnhofscafé gegangen. Ein Ort, an dem normalerweise um neun Uhr morgens schon Bier getrunken wird und man nicht länger bleibt als nötig. An diesem Tag war es anders. Plötzlich saßen da Menschen mit Laptops, haben Cappuccino getrunken, gearbeitet, gewartet. Wir mittendrin, eine Folge Emily in Paris am Handy schauend, als wäre das hier ein ganz normales Café. Und irgendwie war es das auch, zumindest für diesen Moment. Der Raum hatte sich nicht verändert, nur die Menschen darin. Zumindest für die 120 Minuten, die es gedauert hat, bis unser Zug endlich einfuhr.  

Menschen am Bahnhof

Ein Ort ohne Ziel

Ich glaube, Bahnhöfe sind so besondere Orte, weil sie keine Ziele sind. Sie sind Zwischenräume, Orte, an denen niemand wirklich ankommt und niemand lange bleibt. Und genau deshalb passiert dort etwas, das im Alltag oft keinen Platz hat: Man beobachtet. Andere und sich selbst. Zwischen Ankommen und Weiterfahren, zwischen Zeitdruck und Stillstand, fallen viele der kleinen Sicherheiten weg, an denen man sich sonst orientiert. Man hat keinen festen Platz, keine klare Rolle, nur ein Ticket und eine ungefähre Richtung. Vielleicht sollten wir am Ende alle etwas mehr Zeit an Bahnhöfen verbringen und unsere festgeformten Verhaltensweisen dort hin und wieder etwas aufbrechen, oder was meint ihr?

Auf einem Bahnhof übernachten

Falls es für euch mal ein Aufenthalt an einem Bahnhof sein darf, der nichts mit Warten am Gleis zu tun hat, schaut doch am besten bei Urlaub am Bahnhof oder beim Lermooser vorbei. Diese beiden Unterkünfte waren früher mal Bahnhofsgebäude und wurden von ihren Gastgeber*innen in ganz tolle Wohlfühlorte verwandelt.

URLAUB AM BAHNHOF
Ferienwohnung in Wienerbruck bei Annaberg in Österreich:
Urlaub-am-Bahnhof
Schlafen direkt am Bahnhof
Unterkunft am Bahnhof
 
LERMOOSER
Hotel in Tirol, Österreich:
Lermooser
Hotel am Bahnhof
Fazit:

Vielleicht sind Bahnhöfe genau deshalb so besondere Orte, weil sie uns aus dem Gewohnten herauslösen. Für einen kurzen Moment haben wir keinen festen Platz, keine klare Rolle – nur Zeit, die vergeht, und die Wahl, wie wir mit ihr umgehen. Wer sich darauf einlässt, entdeckt im scheinbaren Stillstand eine ungeahnte Tiefe: mehr Gelassenheit, mehr Aufmerksamkeit, mehr Verbindung zu sich selbst und zu anderen. Und vielleicht liegt genau darin eine Form des Reisens, die nachhaltiger ist als jede Strecke, die wir zurücklegen – weil sie nicht nur den Ort verändert, sondern auch uns.

 

© Fotos: Pexels / Hikaique, Didsss, sebastian-cantos; Urlaub am Bahnhof, Lermooser / Franziska Thalhammer

Nadine ist freiberufliche Redakteurin und Texterin. Sie lebt in Österreich und pendelt zwischen Salzburg und Wien. Sie ist somit entweder in den Bergen oder im Großstadtdschungel unterwegs, versucht aber gleichzeitig, so viel Zeit wie möglich in ihrem Herzensland Portugal zu verbringen.

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