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Schlechtwetter

Im Urlaub schlechtes Wetter – Was nun?

Nach sieben Jahren Sommer, Sonne, Sonnenschein in Südeuropa und der Karibik lebt unsere Autorin seit über einem Jahr in Großbritannien. Dort hat sie gelernt, schlechtem Wetter zu trotzen. In diesem Artikel teilt sie ihre besten Tipps für Regentage im Urlaub.

In 14 Monaten Großbritannien habe ich mich an viele typisch britische Seltsamkeiten ganz gut gewöhnt. Ich sage lässig „Yeah, you’re alright?“, wenn man mich mit „How’re you doing?“ begrüßt – wohl wissend, dass es hierbei nur um Höflichkeit und nicht um aufrichtiges Interesse geht. Meine Fähigkeiten im Entschuldigen und Schlangestehen – beides kulturelle Nationalsportarten – haben sich ebenfalls verbessert. Und neulich habe ich sogar ganz souverän ein English Breakfast verspeist, inklusive Baked Beans und einem traurig aussehenden, zerknautschten Pilz. Doch die wohl wichtigste Lektion, die ich hier gelernt habe, ist: mir vom Wetter nicht die Laune verderben zu lassen.

Tatsächlich ist das Wetter im Vereinigten Königreich oft erwähnenswert schlecht. Denn über den Nordatlantik ziehen ständig feuchte Luftmassen und Tiefdruckgebiete mit reichlich Wolken und Stürmen heran. Und weil es in Großbritannien keine großen Gebirge gibt, die diese Wettersysteme aufhalten, ist „wechselhaft“ die Norm – und Grau der Grundton. Und dann dieser Regen! Von drizzle (feiner Nieselregen, der kaum auffällt, einen jedoch komplett durchweicht) über mizzle (eine besonders unangenehme Mischung aus mist (Nebel) und dem eben erläuterten drizzle), über showers bis downpours gibt es zahlreiche Nuancen. Und manchmal erlebt man sie alle an einem einzigen grauen Vormittag. Da hilft nur: auswandern oder anpassen.

1. Wetterunabhängig bummeln in Europas Arkadenstädten

Seit November liegt mein Segelboot in einem Hafen bei Cardiff. Die walisische Hauptstadt am Bristolkanal wird auch City of Arcades genannt und hat ein wasserdichtes Anti-Regen-Konzept: in der Innenstadt gibt es sieben wunderschöne überdachte Arkaden aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Hier kann man das ganze Jahr über trockenen Fußes flanieren und in winzigen Läden und gemütlichen Cafés alle Wettersorgen hinter sich lassen. Auch andere europäische Städte sind regentauglich: Bologna und Turin in Italien, Bern mit seinen mittelalterlichen Lauben oder die Pariser Galerien. Wenn der Wettergott in deinem Urlaub also mal nicht mitspielt: schau nach, ob es in der Nähe schöne Städte mit Arkaden gibt.

2. Be ready: Bereitsein ist alles

In Großbritannien habe ich mir angewöhnt, nicht nur regelmäßig die allgemeine Wettervorhersage zu checken, sondern auch den Regenradar. Denn mal ehrlich: simplifizierte Symbole wie Sonne, Wolken, eine Windfahne, Regentropfen und eine Temperaturanzeige werden dem Wetterkapriolen hier sowieso nicht gerecht. Der Regenradar hingegen zeigt live, in welche Richtung welche Wolken ziehen. Selbst in Wales, einer der regenreichsten Regionen Großbritanniens, regnet es selten tagelang komplett durch. Mit dem Radar lassen sich Wolkenlücken vorhersagen – und dann heißt es: raus! Ob Joggen, Spazieren oder einfach nur mal zehn Minuten das Gesicht in die Sonne strecken und den Vitamin-D-Haushalt ankurbeln: solche Momente sind in Schlechtwetterphasen Gold wert – they can make your day!

3. Richtig eintauchen: Speak to the people

Weil alle gleichermaßen davon betroffen sind, ist das Wetter der perfekte icebreaker für unverfänglichen Smalltalk, aus dem bei gegenseitiger Sympathie auch mehr werden kann. Im Oktober 2021 kam mir das auf der balearischen Insel Ibiza zu Gute, wo seit Tagen ein Unwetter das nächste jagte. Im Hafen von Sant Antoni de Portmany kam ich mit einem britischen Ehepaar ins Gespräch. Was als entspannter weather chit chat begann, endete mit einer Einladung zum Abendessen in ihrem wunderschönen ibizenkischen Haus. Bevor dein Urlaub also trostlos ins Wasser fällt, tauche bewusst ein: gehe in Pubs und Cafés, verwickle Menschen übers Wetter in ein Gespräch und schau einfach, wohin das führt.

4. We cannot change the wind, but we can adjust the sails

Wer für den Urlaub viele Ourdoor-Aktivitäten geplant hat, hadert oft besonders mit schlechtem Wetter. Ein ideales Übungsfeld für eine wichtige Tugend, die in unserer Welt leider oft zu kurz kommt: Akzeptanz. Fakt ist: wir können das Wetter nicht ändern. Aber wir können beeinflussen, ob wir uns davon die Laune verderben lassen – oder uns anpassen. Versuche dich auf Dinge zu konzentrieren, die du beeinflussen kannst. Du kannst dich zum Beispiel im Spa verwöhnen lassen oder in der Therme Wärme tanken. Postkarten und Briefe an deine Liebsten schreiben. Ins Museum, in Galerien oder ins Kino gehen. Oder endlich mal den ganzen Tag lang diesen spannenden Krimi lesen, der daheim vorm Einschlafen eh viel zu aufregend ist.

Regen im Urlaub

5. Just do it: es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung

Meine beste Schlechtwetter-Erfahrung hatte ich mit 19: Bei fiesem Nieselnebelschmuddelwetter fuhr ich in den Europapark – und hatte den Tag meines Lebens. Denn außer uns war kaum jemand dort. Kein langes Anstehen, kein Gedränge, stattdessen Adrenalin pur. Am Abend war ich zwar pitschenass, aber glücklich. Die meisten Tourismus-Hotspots sind bei schlechtem Wetter weniger überlaufen – nutze das! Wichtig ist dann gute Regenkleidung und die Fähigkeit, Regentropfen einfach wegzulächeln. Und was ist mit Urlaubsfotos? Auch ohne Sonne und blauen Himmel kannst du mit ein paar Tricks tolle Bilder machen. Wie, das erfährst du z.B. in diesem Artikel von Sina und Jan alias „LichterDerWelt“.

Fazit

Reisen ist nie nur Ortswechsel – es ist immer auch eine Übung in Perspektive. Vielleicht zeigt uns gerade das wechselhafte Wetter, wie wenig wir kontrollieren können – und wie viel wir gestalten dürfen. Wer lernt, Regen nicht als Störung, sondern als Teil des Erlebnisses zu begreifen, entdeckt eine neue Qualität des Unterwegsseins: spontane Begegnungen, stille Museumsstunden, leere Gassen, intensive Gespräche, dramatische Wolkenbilder.

Das Wetter entscheidet nicht über die Stimmung eines Urlaubs. Es schenkt ihm nur eine andere Farbe. Und manchmal sind es genau diese unerwarteten, grauen Tage, die am längsten in Erinnerung bleiben – weil wir gelernt haben, die Segel neu auszurichten.

Ein weiterer interessanter Artikel von Ina „Reisen mit Autismus“ gibt es hier.

Fotos: unsplash / Christian Greiner, Pexels / clickerhappy

Ina ist digitale Nomadin und reist zu Wasser und zu Lande durch Europa. Dabei hält die Journalistin stets Ausschau nach besonderen Orten für Good Travel, philosophiert in ihrer Kolumne über das Reisen, fotografiert, musiziert und schreibt Artikel zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen aller Art.

1 Comment

  • Ursa

    Wunderbare Ansichten eines verregneten Seins. Habe mir gerade den Kiefer gebrochen und viel Kummer damit. Doch nach dem Lesen deines Artikels gibt er mir auch hierzu wieder Mut. Danke

KOMMENTAR

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