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Reisen mit Autismus

Reisen mit Autismus

Jeden Tag neue Eindrücke, raus aus der Routine, fremde Gesichter, exotisches Essen und wundersame Sprachen: was für die meisten von uns nach einem vielversprechenden Urlaubskonzept klingt, ist für andere ein regelrechter Albtraum. Für Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung etwa kann das Ausbrechen aus ihrer gewohnten Umgebung extrem herausfordernd sein.

Menschen mit Autismus nehmen ihr Umfeld anders wahr

Weil ihr Gehirn anders funktioniert als bei neurotypischen Personen, nehmen Menschen mit einer Autismus-Spektrums-Störung ihr Umfeld anders wahr- und Informationen anders auf. In der Folge weichen ihr Verhalten und ihre Kommunikation oft von dem ab, was unsere Gesellschaft als normal definiert. Die Betroffenen sind zwar per Definition nicht krank. Sie haben jedoch häufig Schwierigkeiten, sich in unserer neurotypisch geprägten Welt zurecht zu finden. Deshalb entwickeln viele von ihnen im Alltag sehr starre Abläufe und Routinen, die Struktur und Vorhersehbarkeit schaffen. Beispiele sind minutiös getaktete Tagespläne oder feste Kleidungs- und Essensregeln. Auf Veränderungen ihrer gewohnten Abläufe oder ihrer persönlichen Umgebung reagieren Betroffene hingegen mitunter ängstlich oder panisch.

Bei einer Reise ist veränderungsbedingter Stress vorprogrammiert

Enger Körperkontakt mit fremden Personen bei der Sicherheitskontrolle, Menschenmengen und laute Durchsagen am Bahnhof, ein unvorhergesehenes Upgrade des Mietwagens oder das Fehlen der Lieblingsmarmelade beim Frühstücksbuffet: Unvorhersehbarkeiten und kleine Unannehmlichkeiten gehören für die meisten neurotypischen Personen zum Reisen mit dazugehören. Für Menschen mit Autismus hingegen sind sie manchmal kaum zu ertragen. Erschwerend hinzu kommt, dass viele Betroffene die Gefühle anderer nicht gut erkennen und deshalb auf eine sehr klare und deutliche Kommunikation angewiesen sind. Reisen an Orte, an denen eine fremde Sprache gesprochen wird, sind für sie daher oft besonders anspruchsvoll.

Reisen mit Autismus: 6 Tipps für weniger Reisestress

Dennoch möchten auch viele Menschen mit Autismus verreisen und so neue Erfahrungen machen, die ihren Horizont erweitern. Folgende Tipps können bei der Reiseplanung- und Durchführung helfen:

  1. Reise-Zeitpunkt: Verreisen Sie lieber in der ruhigeren Nebensaison, wenn weniger Trubel herrscht.
  2. Wahl der Unterkunft: Ziehen Sie Ferienapartments mit Selbstversorgung Hotels mit Gemeinschaftsverpflegung vor. Hier können Sie ihre Tagesabläufe selbst gestalten und Lebensmittel zubereiten, die Sie bevorzugen. Stellen Sie sicher, dass es in der Unterkunft Orte gibt, an die Sie sich ungestört zurückziehen können.
  3. Grundsätzlich gilt: je früher und je mehr Informationen vor einer Reise zur Verfügung stehen, desto besser. Schauen Sie sich vorab Fotos oder Videos des Reiseziels, des Bahnhofs oder Flughafens und der jeweiligen Transportmittel an. Und informieren Sie sich auch, wo Sie vor Ort vertraute Lebensmittel besorgen können.
  4. Vor Ort geben Tagespläne mit festen Zeiten für Aktivitäten, Mahlzeiten und Ruhepausen Struktur und Sicherheit.
  5. Beim Warten am Bahnhof, im Taxi oder Bus verschaffen Noise-Cancelling-Kopfhörer, Sonnenbrille und Kapuzen mobile Rückzugsmöglichkeiten – und helfen so gegen Reizüberflutung.
  6. Auch vertraute Snacks, der Geruch bekannter Pflegeprodukte und Komfortgegenstände wie Lieblingsspiele- oder Bücher können helfen, akuten Reisestress zu lindern.

Weitere Tipps findet ihr hier und bei der Fondation Autisme Luxembourg.

Autismus Reisetipps

Airlines und Flughäfen, die Autismus auf dem Schirm haben

Besonders Flughäfen sind für Menschen mit Autismus Orte der Reizüberflutung. Bisher ist die Auswahl an Reiseanbietern, die ihre besonderen Bedürfnisse auf dem Schirm haben, sehr beschränkt. ITA, Italiens nationale Fluggesellschaft, bietet Betroffenen jedoch neuerdings am Flughafen Fiumincino ein kostenlos ein Simulationstraining an. Hierbei können sie sich vorab mit der ungewohnten Situation am Flughafen und im Flieger vertraut machen. Am Reisetag erhalten Menschen mit Autismus an einigen ITA-Flughäfen zudem eine bevorzugte Behandlung beim Check-in, Boarding und Sicherheitskontrolle sowie eine kostenfreie Sitzplatzreservierung in der ersten Reihe des Flugzeugs. Diese Broschüre bereitet sie detailliert darauf vor, was sie am Flughafen erwartet. Auch der Flughafen Zürich hat eine solche Broschüre für Reisende mit Autismus erstellt. Und die Airline Emirates hat im letzten Jahr rund 30.000 Mitarbeitende geschult, damit sie Reisende mit Autismus besser verstehen und unterstützen können.

Das andere „all inclusive“: Reisen mit der Sonnenblume

Die Sonnenblume ist ein weltweit anerkanntes Symbol für Menschen mit unsichtbaren Beeinträchtigungen. Auch Menschen mit Autismus-Spektrums-Störung tragen an Flughäfen, in Verkehrsmitteln und öffentlichen Räumen manchmal den sogenannten Sunflower Lanyard – ein grünes Schlüsselband mit Sonnenblumenmuster. Damit möchten sie diskret signalisieren, dass sie gegebenenfalls mehr Zeit, Geduld oder Unterstützung brauchen. Sofern erkannt und berücksichtigt, hilft das Symbol ihnen dabei, ihre Bedürfnisse nicht ständig erklären zu müssen – und fördert so Verständnis und Inklusion. Auf dieser Website finden Sie Orte, die Menschen mit unsichtbaren Einschränkungen unterstützen. Wenn Sie eine Person mit dem Sonnenblumensymbol sehen, geben Sie ihr Zeit, vermeiden Sie Berührungen und kommunizieren Sie klar und deutlich.

Einen interessanter Artikel zu Microcation findet ihr hier:

Fotos: unsplash / Al Cruz, Fer Troulik

Ina ist digitale Nomadin und reist zu Wasser und zu Lande durch Europa. Dabei hält die Journalistin stets Ausschau nach besonderen Orten für Good Travel, philosophiert in ihrer Kolumne über das Reisen, fotografiert, musiziert und schreibt Artikel zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen aller Art.

3 Comments

  • Elizabeth Olsen

    What additional strategies can families use to prepare airport staff or hotel personnel in advance to better support travelers with autism spectrum disorder?

    • Ina

      Dear Elizabeth, I think it would be helpful to send them best-practice examples of airports (like Zurich airport) or hotels that already offer such extra support, so they can copy them. Also, just making them aware beforhand that a guest might need more time and space to themselves can already help. If you know of any hotels or accommodations that you can recommend for travelers with autism spectrum disorder, please feel free to share them.

  • Markus

    Ich finde es gut dass auch Autisten Hilfe beim Reisen in den Urlaub gibt.
    Denn mein Bruder ist ebenfalls Autismus & fährt mit der Einrichtung jeden Sommer in den Urlaub.

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