Zu Gast auf Menorca: Kunsthandwerk, wilde Strände und eine besondere Lebensphilosophie

Wandbild in Ciuadella

„In Harmonie mit dem Planeten Erde Leben!" – Ein Gastbeitrag von Ina Hiester. Während einer sechswöchigen Erkundungstour auf den Balearen hat es mir die Insel Menorca mit ihren wilden Stränden und bezaubernden Städtchen ganz besonders angetan. Hier gewährte mir Good Travel-Gastgeber Ignasi nicht nur Einblick in seine Unterkünfte, sondern auch in seine Lebensphilosophie.

„Ich möchte gern über dich schreiben.“ „Wann?“ – „Ähm – morgen?“ „Vale – Okay!“ Von Anfang an ist mir Ignasi Truyol mit seiner unkomplizierten Spontaneität sympathisch. Wenn er lacht – und das tut er oft – legt er seinen Kopf ein wenig in den Nacken, als ob er ansonsten vor Lebensfreude und Enthusiasmus überlaufen würde. Ich treffe ihn im Hevresac in der menorquinischen Inselhauptstadt Mahon.

Mahon
Bummeln durch Mahon

Alt und hipp, vollgepackt und durchgestylt: das Hevresac

Das „Hevresac", ehemaliges Wohnhaus des Kaufmanns und Kapitäns Joan Roca i Vinent, hat er gemeinsam mit seiner Frau Stéphanie zu einem Boutique-Hotel der besonderen Art umgestaltet. Der Geist des 1826 verstorbenen Kapitäns i Vinent, der die Insel sowohl unter englischer, französischer als auch spanischer Herrschaft kulturell und wirtschaftlich erblühen sah, scheint hier noch immer irgendwie mitzumischen. Denn das Hevresac lässt sich in keine Schublade packen.

Allein das Wort Hevresac, erklärt mir Ignasi, zeugt von dem multikulturellen Flair des Ortes: abgeleitet vom deutschen Hafersack, britisch adaptiert zum Haversac, französisch umgestellt zum Havresac und schließlich auf Menorquín Hevresac genannt, ist dieser Ort vollgepackt mit allerlei Dingen, die in ihrer üppigen Kombination ein Kunstwerk für sich darstellen. „Fast alles, was du hier an Einrichtungsgegenständen siehst, sind Fundstücke von anderen Orten, anderen Zeiten, einem anderen Leben – meinem Leben vor Menorca“, erzählt Ignasi.

Treppenaufgang Hevresac
Aufenthaltsraum Hevresac
Zimmer im Hevresac
Badezimmer im Hevresac

Vom IT-Berater zum Vollblut-Gastgeber

Nach dem Schulabschluss wollte Ignasi auf Nummer sicher gehen. Er studierte in seiner Heimatstadt Barcelona Betriebswirtschaftslehre und arbeitete anschließend 25 Jahre lang als IT-Berater. Als solcher verdiente er nicht schlecht, reiste viel, sah die Welt – und wohnte dabei in zahlreichen Hotels, die alle gleich waren: sauber und akkurat, standardisiert und steril. Nirgends ein Eckchen zum Wohlfühlen, höchstens mal eine Falte zum Glattstreichen.

„Mein Vater stammt aus Menorca. Wir haben auf der Insel stets unsere Familienurlaube verbracht. Nachdem ich viele Jahre meiner Karriere als Berater gewidmet hatte, wurde 200? meine Tochter geboren. Das war für mich und meine Frau ein echter Weckruf“, so Ignasi. Das Paar wollte raus aus dem hektischen, nicht lebenserfüllenden Hamsterrad – und auf Menorca für sich selbst sowie für Reisende aus aller Welt Orte schaffen, die inspirieren und entschleunigen, die zum Wohlfühlen, Austauschen und Bleiben verführen.

Das nette Lachen von Ignasi
Hier packen allen an

„Ses Surcreres": Vom Süßwarenladen zum kleinen Wohlfühlhotel

Bereits 2009 hatten Ignasi und Stéphanie im Inselinneren, im Dorf Ferreries, ihr erstes kleines Unikat eröffnet: „Ses Sucreres". Einst ein Süßwarenladen, überrascht die Unterkunft heute mit ihrem erfrischenden Kontrast zwischen dem einfachen und ländlichen Äußeren und der schicken, eleganten Raffinesse im Inneren. Genau wie im Hevresac findet sich hier allerlei Kunst und Kunsthandwerk, das den sechs Räumen eine besondere Note gibt, ohne sich aufzudrängen – das Ergebnis ist ein Wohlfühlort mit einem minimalistischen, zeitgenössischen und persönlichen Touch.

Ignasi, der mit seiner Familie ebenfalls in Ferreries wohnt, erzählt mir: „Ins „Ses Sucreres" kommen oft Familien oder Paare, die Erholung und Ruhe suchen. Gleichzeitig ist es der ideale Standort, um die Insel zu erkunden: sowohl die alte Inselhauptstadt Ciutadella im Westen als auch Mahon im Südosten sind in etwa 30 Minuten mit dem Bus oder dem Auto zu erreichen.“

Hinterhof im Ses Sucreres
Zimmer im Ses Sucreres

Kunst überall: eine Herzensangelegenheit

Das Hevresac hingegen, mit seiner zentralen und dennoch ruhigen Lage in Mahon, hat einen schnelleren Puls. Kaum jemand kommt hierher, um seine Ruhe zu haben – die meisten Gäste hier suchen Austausch, Debatte, Spiel, Inspiration und Gesellschaft in einer stylisch-gemütlichen Wohnzimmeratmosphäre. Während Ignasi mich durch die Räumlichkeiten führt, bleibt sein Blick immer wieder an einem Bild oder einer Plastik hängen und er erzählt mir eine Anekdote zu dem bzw. der jeweiligen Künstler:in.

„Ich hatte schon immer ein großes Herz für Kunst, und wäre ich in jungen Jahren nicht so auf finanzielle Sicherheit fokussiert gewesen, hätte ich mich womöglich für ein Kunststudium entschieden. Seit ich mit meiner Familie auf Menorca lebe, kann ich diese Leidenschaft voll ausleben: ich gebe Künstler:innen, die ich schätze, eine Ausstellungsplattform, indem ich unsere Unterkünfte mit Ihren Werken bestücke. Sie können von den Gästen käuflich erworben werden – eine Provision verlange ich dafür nicht“, so Ignasi.

Ina im Hevresac
Überall befinden sich schöne Details

Ausgezeichnet: Biosphärenreservat Menorca

Sowohl das hippe „Hevresac" in Mahon als auch das beschaulich-stilvolle „Ses Sucreres" in Ferreira sind zertifizierte Partner des Biosphärenreservat Menorca. Dieses Nachhaltigkeitszeichen dürfen nur solche Unterkünfte und Betriebe verwenden, deren Produkte und Dienstleistungen einen positiven ökologischen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Einfluss haben und somit insgesamt zu einer nachhaltigen Entwicklung der Insel beitragen.

Ignasi und Stéphanie haben ihre Unterkünfte unter Verwendung natürlicher Baumaterialien wie Kork, Zellulose und Holz liebevoll renoviert, bereiten ihr Wasser mithilfe einer Osmose-Filteranlage selbst auf, verzichten wo möglich auf Plastik und unnötige Verpackungen und verwöhnen ihre Gäste mit einem leckeren Frühstück aus regionalen und saisonalen Zutaten.

Der Markt "Sa Placa" in Mahon

Better together: Hierarchie war Gestern

Und dabei packen sie wie selbstverständlich überall mit an: Tisch decken, Kaffee kochen, aufräumen – die Zusammenarbeit mit ihren Angestellten gleicht eher einem fröhlichen Familienhaushalt, in dem man sich gegenseitig unterstützt. „In der Wirtschaft wird man darauf getrimmt, dass wir für alles klare Rollen und Verantwortungsbereiche brauchen. Aber zu viel Spezialisierung macht unseren Geist träge. Je mehr unterschiedliche Dinge ich tue, mit je mehr unterschiedlichen Menschen ich mich umgebe, desto lebendiger fühle ich mich“, sagt Ignasi, während er mit seiner Hilfskraft Helena in der Küche die Spülmaschine ausräumt. Ich beobachte die beiden, während sie angeregt plaudern, und da ist es wieder: dieses Lachen, dieses vor Energie Überlaufen. Ignasis Leben und Wirken hier auf Menorca – sein zweiter Lebensentwurf – steht ihm ganz wunderbar.

Inas Tipps zum Schluss:

  • Rumkommen: Die meisten größeren Dörfer und Städte auf Menorca sind per Bus an den öffentlichen Nahverkehr angebunden. Viele Strände der herrlichen Insel sind jedoch nur mit dem Rad oder zu Fuß zu erreichen. Aber mal ganz ehrlich: zugebaute Strandpromenaden, wie man sie sonst leider häufig in Spanien vorfindet, habe ich an keinem einzigen Tag auf Menorca vermisst. Ihr wollt die Insel zu Fuß erkunden? Der 185 Kilometer lange Fernwanderweg „Camí de Cavalls“ führt einmal komplett um die Insel herum.
  • Einkaufen: Gäste im „Hevresac" finden in Mahon gleich mehrere Bioläden: Món orgànic nur wenige Straßen weiter sowie Essència Bio und Bio Magatzem, die sich ebenfalls in der Altstadt befinden. Um Obst, Gemüse, mallorquinischen Käse, Wurst und Souvenirs zu kaufen, lohnt sich der Besuch des täglich stattfindenden Marktes Sa Plaça im Innenhof des Klosters Claustre del Carme.

Mehr Informationen zum Hotel Hevresac

Mehr Informationen zum Ses Sucreres

Ina auf dem Steg

 

Ina ist digitale Nomadin und lebt auf einem Segelboot im Mittelmeer. Wenn gerade Flaute ist, befreit die bekennende Minimalistin Buchten und Strände von Plastik, hält Ausschau nach besonderen Orten für Good Travel, fotografiert und schreibt Artikel zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen aller Art.

Fotocredits: Ina Hiester, Brittni-Moffatt (Profilbild Ina)

Cami des Cavals

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