Wie sich Overtourism-Destinationen in der Krise neu erfinden

Venedig erfindet sich neu

Amsterdam verbietet die private Vermietung von Ferienwohnungen im Stadtzentrum und Venedig verbannt Kreuzfahrtschiffe bis zum Jahresende aus der Lagune: Das sind nur zwei Entwicklungen, die man in den letzten Monaten in der Nachrichtenlandschaft lesen konnte. Immer mehr Destinationen, die mit Overtourism konfrontiert sind, bzw. waren, stellen sich dem Problem und möchten einen fairen Tourismus in ihrer Region fördern.

Die Wichtigkeit von staatlichen Maßnahmen und zivilgesellschaftlichen Initiativen

Neben staatlichen Regulatoren wie Gesetzen, spielen dabei auch Initiativen aus der Zivilgesellschaft eine zentrale Rolle. Das zeigt das Beispiel aus Venedig: So ist das Verbot von Kreuzfahrtschiffen der jahrelangen Arbeit des Bürgerkomitees „No grandi navi“ (zu deutsch: „Keine großen Schiffe“) zu verdanken. Dabei spielte auch die Coronakrise eine entscheidende Rolle: Die Pandemie sorgte für ein Umdenken bei vielen Venezianer*innen, die in der Krise eine Chance sahen. Eine Chance, den Tourismus neu aufzustellen und nachhaltiger zu gestalten.

Eindrücke vom Massentourismus in Venedig

Ein nachhaltiges Miteinander zwischen Reisenden und Bereisten fördern

So steigert die Organisation „Venezia Autentica“ mit ihrer Plattform beispielsweise die Akzeptanz zwischen den Touristen und Einheimischen. Reisende können auf der Plattform Aktivitäten buchen und wahlweise lernen, wie man Murano-Schmuck selber herstellt oder typisch venezianische Masken dekoriert. Außerdem findet man auf einer interaktiven Karte, Geschäfte, die von Venezianern geführt werden und hochwertige Produkte anbieten. Das gefällt beiden Seiten: Reisende lernen das „wahre Venedig“ kennen, die Einheimischen wiederum profitieren finanziell, da die Gewinne nicht an Großkonzerne abfließen.

Mit Venezia Autentica entdeckt man das wahre Venedig
Auf Touren lernen, wie die typisch venezianischen Masken entstehen
Anschließend kommt man mit den Künstlern ins Gespräch

Auch in anderen Destinationen finden sich Organisationen, die ein nachhaltiges Miteinander fördern. Die „International Greeter Association“ bietet weltweit kostenlose Stadtführungen an. Das Besondere: Die Guides sind Einheimische, die die Reisenden mit in ihren Alltag nehmen und ihnen ihre Lieblingsecken in der Stadt zeigen. Das führt die Reisenden nicht selten abseits ausgetretener Touristenpfade.

Den Urlaub abseits der Massen verbringen und helfen, den Plastikverbrauch einzudämmen

Neben der sozialen Nachhaltigkeit, konzentrieren sich andere Organisationen auf die Beseitigung der negativen Folgen vom Tourismus auf die Umwelt. Die Non-Profit-Organisation „Cleanwave“ setzt sich beispielsweise dafür ein, den Plastikverbrauch auf Mallorca und anderen Teilen Spaniens einzudämmen. Denn allein auf den balearischen Inseln werden täglich 1,5 Millionen Plastikflaschen verbraucht, die wiederum eine echte Gefährdung der umliegenden natürlichen Ressourcen, allen voran der Meere, sind.

Auf Mallorca gibt es dank der Initiative mittlerweile über 70 Trinkwasserstationen, die mit per Osmose gefiltertem Wasser aufgefüllt sind. An den Stationen kann man eigene oder die von „Cleanwave“ produzierten Edelstahlflaschen kostenlos auffüllen und so der Plastikflut ein Ende setzen. Kürzlich launchte die Organisation eine App, die alle Auffüllstationen in der Nähe anzeigt.

Ein von Cleanwave organisiertes Beach Cleanup
Die Trinkwasserstationen von Cleanwave befinden sich in vielen Regionen Spaniens

Die Neuerfindung von Overtourism-Destinationen in Richtung eines nachhaltigen Tourismus

Anstatt einfach zurück zum Alten zu kehren, nutzen derzeit viele Overtourism-Destinationen die Zeit, um sich neu zu erfinden. Die vorgestellten Beispiele zeigen, dass die Zivilgesellschaft dabei eine ebenso wichtige Rolle spielt wie die Politik und Wirtschaft. Und während sich die Destinationen finden, bietet sich jetzt auch die ideale Zeit, um die hiesigen Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Viele Orte, die man üblicherweise aufgrund der großen Touristenmassen meidet, sind jetzt nicht so überfüllt wie sonst.

Ganz egal ob Berliner Fernsehturm, Schloss Neuschwanstein oder Frauenkirche in Dresden: Lernt eure eigene Stadt und Region aus der Perspektive eines Reisenden kennen! Und wer weiß, vielleicht verliebt man sich dabei ganz neu und besinnt sich künftig ebenfalls vermehrt auf die Schätze vor der eigenen Haustür. Denn auch die Reiseentscheidungen eines jeden Einzelnen sind für die neue Ausrichtung der Overtourism-Destinationen nicht ganz unwichtig. Indem man sich bewusst für einen sanften Tourismus entscheidet, kann man selbst dazu beitragen, den Tourismus in eine nachhaltige Richtung zu bewegen.

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