Kanarische Wandertage

Kanarische Wandertage

Ein Gastbeitrag von Anja Dilk

Es ist ein sonniger Novembertag, als sich Kirsten Niemann mit Bruder, Freund und Cousin an den großen Aufstieg macht. Das Thermometer zeigt 22 Grad. Wie jeden Morgen verzichtet Kirsten auf das Frühstück. Kleinen Rucksack geschnappt, Stullen und Wasser eingepackt, Jacke übergestreift, Sneaker an die Füße und los geht’s. Zum Pico del Teide, dem höchsten Berg auf Teneriffa, 3.718 Meter hoch.

Vor Monaten schon hatte Kirstens Bruder Tom online die Erlaubnis für eine Gipfelbesteigung beantragt. Sie legt einen Timeslot fest, in dem Wanderer die letzten 150 Höhenmeter des Teide hochkrakseln dürfen. Wer es nicht rechtzeitig schafft, muss am Kontrollpunkt umkehren und mit der Gondel zurück ins Tal fahren. Start ist der Parkplatz auf 2.200 Metern. Um 10 Uhr geht es los, vier Stunden bleiben bis ganz nach oben.

Es ist ein Traumpfad ins Himmelblau. Ein breiter Weg durch eine Mondlandschaft, rötliches Lavagestein, Moos. Nach zwei Kilometern verjüngt er sich zu einem steilen, steinigen Pfad, der sich in Serpentinen den Berg hoch windet. Nach jeder Spitzkehre gibt es einen neuen, grandiosen Ausblick auf die Insel. Doch die Höhe macht kurzatmig, das fehlende Frühstück sich bemerkbar, die Vorräte sind aufgegessen, die Temperaturen sinken unter Null, leichte Übelkeit sitzt im Magen.

„Trinken, ihr müsst mehr trinken“, ruft Tom. Er war schon zweimal oben, weiß, worauf es ankommt. „Ich dachte, das mache ich auf einem Bein“, sagt Kirsten. „Aber es war verdammt anstrengend.“ Doch mit der Gondel kurz vorm Gipfel zurück? Ausgeschlossen. Die Truppe mobilisiert Kräfte. Um 14 Uhr steht das Quartett hoch oben auf dem Berg. Vor sich ein Blick bis zum Horizont, unter sich die Insel in 360-Grad-Ansicht und rundherum nichts als blaues, blaues Meer. Kirsten: „Es war eines der schönsten Erlebnisse, die ich auf Teneriffa je hatte.“

Insel des ewigen Frühlings

Teneriffa, die Insel des ewigen Frühlings, ist das größte Eiland der Kanaren vor der Westküste Afrikas. Ihr mildes Klima, die abwechslungsreiche Landschaft zwischen zerklüfteten Küstenlinien, schwarzen Lavafeldern und hohen Gebirgsketten macht sie zum Sehnsuchtsort für Reisende aus Europa. Vor allem in den Herbst- und Wintermonaten, wenn große Teile des alten Kontinents von Wolkendecken bedeckt sind, suchen sie hier Licht, Wärme und Palmenflair.

Menschen wie Kirsten und ihre Familie. Seit sechs Jahren versammeln sie sich zum Familientreffen auf Teneriffa. „Die Landschaft ist wunderschön, es gibt viel zu sehen“, sagt Kirsten. Da ist der weiße Strand Las Teresitas mit Sand aus der Sahara und der schwarze Playa Jardin vor der Hauptstadt Puerto de la Cruz, der glitzert wie gemahlenes Granit. Da sind die feuchtnebligen Kiefernwälder im Anaga-Gebirge des Nordostens und die gewaltigen Schluchten im Teno-Gebirge des Nordwestens. Da sind die kargen Wüstenregionen des Südens und die pittoresken Dörfer und Städtchen voller Bars mit würzigen Tapas und gutem Wein. Teneriffa ist ein idealer Ort zum Erholen.

Teneriffa ist ein idealer Ort zum Erholen

Und vor allem: zum Wandern. Ein Netz von gut ausgeschilderten Wanderwegen überzieht die Vulkaninsel. Von der Stadt Adeje etwa führt ein alter Ziegenhirtenweg durch ein Naturschutzgebiet bis zur Brarranco del Infierno, der Höllenschlucht, und einem 560 Meter hohen Wasserfall. Nur 300 Menschen haben hier pro Tag Zutritt, der Umwelt zuliebe (8 bis 14:30 Uhr, Reservierung erforderlich). Etwa drei Stunden dauert die Tour, wer länger unterwegs sein möchte, geht weiter bis zum Roque del Conde, einem gewaltigen Felsen mitten in der Landschaft. Feigenkakteen, König-Juba-Wolfsmilch und Strelizien säumen den Weg, die Landschaft ist karg und weitläufig. Ähnlich bizarre Felsformationen gibt es im Nationalpark del Teide, die Roques de Garcia. Ein kleiner Rundwanderweg (3,3 Kilometer) führt um das imposante Felsmassiv. Besonders reizvoll ist der Weg bei Sonnenuntergang, wenn das Licht die Felsen rot schimmern lässt.

Zu den spektakulärsten Touren auf der Insel gehört der Weg durch die Schlucht von Masca bis hinunter zum Meer. Ina-Maria Kater hatte sie fest auf dem Plan, als sie über Silvester 2018 für zwei Wochen mit ihrem Mann nach Teneriffa fuhr. „Doch die Schlucht war gesperrt, es hatte Unfälle gegeben“, sagt Ina-Maria. Daher machte sich das Duo erst einmal auf zu anderen Ecken der Insel: Umwanderte den kleinen Vulkan El Taque, wo hellgrüne Kiefern sich wie gemalt vom schwarzen Boden abheben. Zog durch die Mondlandschaft des Praisje Lunar mit ihren runden Gesteinsformationen – und versuchte sich schließlich doch noch bei Masca.

Auf der Tourenplattform Komoot fand Ina-Maria eine kleine Route rechts neben der Schlucht. Der Clou: Die knapp sieben Kilometer lange Strecke führt auf dem Bergkamm entlang. Blick aufs Meer, Riesenkakteen, schwarzes Lavagestein. Ina-Maria: „Die Tour war die Entdeckung unseres Urlaubs – absolut traumhaft.“

El Hierro

Die kleinste Insel der Kanaren liegt ganz im Westen der Inselgruppe. Sie ist einsamer und rauer als die anderen, gerade einmal 6000 Menschen leben hier. Das Wahrzeichen El Hierros ist der Arbol Santo Garoé, ein gewaltiger mit Moos bewachsener Lorbeerbaum, dessen Astspitzen sich auf den Boden stützen.

Die kleinste Insel der Kanaren ist El Hierro, die ganz im Westen der Inselgruppe liegt

Die Atlantikküste ist spektakulär, oft verbinden Felsbögen schroffe Landzungen im Meer. Die Wanderung zum größten Felsbogen im Westen führt entlang der Steilküste. Start ist in Sabinosa, über die Punts la Dahesa geht es bis zur El Verodal Picnic Site. 17,7 Kilometer, 5,5 Stunden.

Highlight für eine kürzere Wanderung: Der Rundweg durch den Nebelwald Mirador de Fileba bis zu El Golfo im Zentrum der Insel. 7,2 Kilometer, 2 Stunden.

La Gomera

Die zerklüftete Gebirgslandschaft der Insel ist von Wanderwegen durchzogen. Im Nationalpark Garajonay steht der größte zusammenhängende Lorbeerwald Europas. Farne und moosbedeckte Bäume wachsen, Bäche gluckern, Nebel steigt auf. Auf der 25 000-Einwohner-Insel wachsen Pflanzenarten, die anderswo längst verschwunden sind.

Die zerklüftete Gebirgslandschaft von La Gomera ist von Wanderwegen durchzogen

In Richtung Küste führt ein Weg durch die Schlucht Valle Gran Rey vorbei an den Hängen des weißen Dorfes La Calera bis hinunter an die schwarzen Sandstrände. Im Nationalpark gibt es Touren von 1,5 bis zu 6 Stunden. So lange dauert der Aufstieg auf den 1487 Meter hohen Berg Garajonay. Für Konditionsstarke: Der Weitwanderweg GR-132 führt in neun Tagen rund um die Insel. Start ist die Hauptstadt San Sebastian. Die Wege sind rot-weiß markiert, es geht durch Schluchten, Täler, Bergdörfer vorbei an Weinterrassen, Palmen und Kakteen. Länge: 140 Kilometer.

Lanzarote

Schwarze Ebenen, weiße Häuser, blauer Himmel – die Vulkaninsel Lanzarote ist ein Ort der Gegensätze. Sie liegt im Nordosten der Kanaren, ist schroff, weitläufig, durchzogen von Vulkankratern und Geysiren. Für Wanderer ideal: der Nationalpark Timanfaya mit seiner Lavalandschaft. Berühmt ist die Höhle Cueva de los Verdes, in ihr finden auch Konzerte statt.

Lohnenswert ist eine Küstenwanderung vom Dalina de Janubio zum Punta Gorda. 17 Kilometer geht es direkt am Meer entlang, über scharfe Felsen, Strand und Pfade. Wer lieber eine Tour in den Bergen macht, sollte auf den Penas del Chache steigen. Er ist 670 Meter hoch, Wanderer haben einen wunderbaren Ausblick über die Insel.

Auf der Vulkaninsel Lanzarote gibt es besonders schöne, nachhaltige Unterkünfte zu entdecken. Hier findet man handverlesene Orte für nachhaltiges Reisen.

Lanzarote ist schroff, weitläufig, durchzogen von Vulkankratern und Geysiren

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