Nordportugal: Eine Quinta zwischen Atlantikbrise und historischen Städtchen
Am Ende eines ungewöhnlich heißen britischen Sommers, der selbst das sonst so grüne Cornwall braun-gelb gefärbt hat, haben mich die ersten Herbststürme per Segelboot in den Nordwesten der iberischen Halbinsel geweht. Hier, wo sich Spanien und Portugal von ihrer grünen und wilden Seite zeigen, packt mich eines Tages der Lagerkoller. Ich will eintauchen in diese herrliche Landschaft, die sich von der Küste bis ins hügelige Hinterland schmiegt. Also buche ich eine kleine Land-Auszeit bei João und Ana in der Quinta da Bouça d’Arques.
Von der galizischen Hafenstadt Vigo bringt mich der grenzüberschreitende Trencelta-Zug in einer Stunde ins portugiesische Viana do Castelo, einem hübschen Hafenstädtchen an der Mündung des Lima-Flusses. Vom Bahnhof spaziere ich zum Hafen, entlang der Flusspromenade und schließlich durch die Kopfsteinpflastergassen der Altstadt. Dabei wandert mein Blick immer wieder gen Norden zur Basilika Santa Luzia, die auf 250 Höhenmetern thront und einen Hauch Pariser Sacré-Cœur nach Viana weht. Für nur 3 Euro fahre ich mit dem Elevador de Santa Luzia, Portugals längster Standseilbahn, zur Wallfahrtskirche hinauf und lasse den Ausblick über die roten Dächer, die Flussmündung und den glitzernden Atlantik auf mich wirken. Ein fast schon erhabenes Urlaubsgefühl macht sich in mir breit und die Vorfreude auf meine Auszeit an Land wächst.
Eine gesunde Pause in Viana do Castelo
Zurück in der Altstadt meldet sich der Hunger. Ich mache mich auf die Suche nach einem Mittagssnack und werde ich in einer kleinen Nebenstraße nahe der Flusspromenade fündig. Im 360º by hygge&healthy verbinden Norberto und Juliana traditionelle portugiesische Küche mit ihrer Leidenschaft für gesunde Ernährung. Als gelernte Pharmazeuten sind sie mit ihrem kleinen Restaurant ihrer wahren Berufung gefolgt und servieren kreative Bowls, frische Salate, herzhafte Gerichte und süße Frühstücksideen mit natürlichen Zutaten und viel Liebe zum Detail. Kaum habe ich hier eine köstliche Mundo da Nutrição Bowl verputzt, klingelt mein Handy: Good Travel Gastgeber João ist in der Stadt und bietet mir eine Mitfahrgelegenheit zur Quinta an. Wenig später betritt er das Restaurant – stilvoll gekleidet, weltgewandt und zugleich herzlich und ungezwungen. Angeregt unterhalten wir uns über die Quinta, das Essen und die Welt, als würden wir locker an ein Gespräch anknüpfen, das wir vor nicht allzu langer Zeit begonnen hatten.
Als wir uns anschließend nach einer 20-minütigen Autofahrt der Quinta da Bouça d’Arques nähern – die, wie ich von João lerne, Kinta da Boussa D’arkh ausgesprochen wird – werden die Straßen immer schmaler und die Häuser spärlicher. Schließlich öffnet sich mit portugiesischer Gelassenheit leise quietschend ein Metalltor zu unserer Rechten und gibt den Blick auf eine lange, mit Steinen gepflasterte Auffahrt frei, die von einer Mauer und Weinreben gesäumt ist. Dass man diese nur im Schritttempo sicher hinauffahren kann, passt perfekt zu der entschleunigten Oase, die mich hier erwartet. Für Hektik ist in der Quinta da Bouça d’Arques kein Platz.
Land-Auszeit auf der Quinta da Bouça d’Arques
Am Ende der Auffahrt taucht hinter Hecken und Bäumen kurz ein gelb getünchtes Gebäude auf, bevor eine hübsche Frau mit dunklem Haar und einem strahlenden Lächeln meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Seit sieben Jahren begrüßt Caterina die Gäste der Quinta, sorgt für ihr Wohlbefinden, beantwortet jede Frage und hält auch hinter den Kulissen den Betrieb am Laufen. João übergibt mich vertrauensvoll in ihre Obhut und sie erklärt mir diese kleine, ganz besondere Welt am Ende der weinumrebten Auffahrt. Sie führt mich über einen kleinen Hof, eine alte, von Büschen und Sträuchern umspielte Steintreppe hinauf und durch ein weiteres Tor über einen kleinen Pfad zu meiner Unterkunft, die ich in all dem üppigen Grün fast übersehen hätte. Das ist Absicht, wie mir João später erklärt: die neueren Gebäude sollen den zeitlosen Charme der Quinta nicht stören. Ihre moderne, helle Schlichtheit mit viel Glas und Beton verbirgt sich zum Haupthaus hin hinter einer durchbrochenen Holzstruktur, die viel Tageslicht hereinlässt und gleichzeitig eine angenehme Privatsphäre schafft. Hier packe ich meine sieben Sachen aus, gönne mir eine erfrischende Dusche, und tauche ein: in meine Land-Auszeit.
Der Weg der Quinta zurück zur Natur
Ein bisschen erinnert mich die Quinta da Bouça d’Arques an den Film „Der geheime Garten“ – den ich als Kind unzählige Mal gesehen habe. Überall wachsen alte Bäume, Sträucher, Hecken, Blumen und Stauden. Sie alle wiegen sich leise im Wind und dämpfen auch die letzten Geräusche, die sich von den umliegenden Dörfern hierher verirrt haben. Filigrane Tore ebnen mir den Weg durch alte Mauern zu kleinen Pfaden, auf denen die warme Herbstsonne ein lebendiges Schattenspiel zaubert. Leichtfüßig folge ich meinem Gehör, das den kleinen Brunnen und den Wasserspeier ausfindig macht, noch bevor meine Augen sie entdecken. Im Abendlicht blitzt auf einer Mauer eine kleine Steinstatue, an der ich zuvor sicher schon dreimal vorbeigelaufen bin. Am Rande des Grundstücks laufe ich einen kleinen Pfad hinauf und entdecke, hinter einem üppigen Staudenbeet verborgen, den Salzwasserpool. Kein chemischer Chlorgeruch stört die Idylle, während ich am Wasser sitze und den Vögeln lausche, die sich hier mindestens genauso wohl zu fühlen scheinen wie ich. Das war nicht immer so, erzählt mir João am nächsten Tag.
„Als meine Frau mir vor 30 Jahren zum ersten Mal die Quinta ihrer Familie gezeigt hat, war dieser Ort in meinen Augen: ein Desaster. Nicht nur finanziell und baulich, sondern auch was die Artenvielfalt anging. Der zur Quinta gehörende, fünf Hektar große Wald bestand überwiegend aus Eukalyptus – ertragreiche, schnell-wachsende, in Portugal zwar nicht heimische, aber dennoch sehr verbreitete Bäume. Eukalyptus liefert zwar Zellstoff für die portugiesische Papierindustrie, hat für unsere heimische Natur jedoch weder Futter noch Nistplätze zu bieten. Gleichzeitig braucht er sehr viel Wasser und birgt eine hohe Waldbrandgefahr.“ Für João war klar: wenn die Quinta eine nachhaltige Zukunft haben sollte, musste sich hier einiges ändern – und gemeinsam mit Ana ließ er sich auf das Abenteuer ein.
Die Quinta da Bouça d’Arques: ein kleines Paradies zum Durchatmen
Heute, 30 Jahre später sind nicht nur die Gebäude, sondern auch die Natur der Quinta wieder in Schuss. Die Familie hat den Wald mit verschiedenen Baumarten aufgeforstet. Nur kranke Bäume landen im Winter im Kamin. Vor einigen Jahren ließ João sogar untersuchen, wie sich diese Maßnahmen ausgewirkt haben: Biodiversitäts-Experten durchforsteten die Quinta und zählten über 30 verschiedene Baumarten, zehn verschiedene Vogelarten und zahlreiche Stauden und Blumen, die die Quinta mit munteren Farbtupfern schmücken. Um Orientierung zu geben, führen zwei ausgeschilderte Wanderwege durch das Gelände: eine 900 Meter langer Waldweg und ein 600 Meter langer Weinbergsweg. Von der Vielfalt profitieren übrigens nicht nur die Natur und das Erholungsambiente, sondern auch die Küche: eigene Orangen, Zitronen, Feigen, Kakis, Nüsse und Quitten landen je nach Saison ihren Weg im Frühstückskorb der Gäste.
In zwei wunderbaren Tagen sauge ich die einzigartige Atmosphäre der Quinta wie ein Schwamm in mir auf. Mein Soundtrack sind die Vogelkonzerte und das Rascheln der Blätter, die der Herbstwind allmählich von den Bäumen tanzen lässt. Gelegentlich besucht mich die Hauskatze Pintos und holt sich ein paar wohlverdiente Streicheleinheiten ab. Obwohl die Quinta derzeit komplett ausgebucht ist, sehe ich dank der klugen Architektur und der vielen Sträucher, Büsche, Mauern und Hecken kaum andere Gäste. Fast fühle ich mich, als hätte ich diesen geheimen Garten ganz für mich allein.
Ponte de Lima: Ein Umweg, der sich lohnt
Am Tag meiner Abreise ist mein Kamera-Akku fast leer, aber mein Erholungs-Akku dafür umso voller. Um meine Land-Auszeit noch ein kleines bisschen zu verlängern, folge ich João’s Tipp und lege auf dem Rückweg einen Zwischenstopp in Ponte de Lima ein. Das kleine historische Städtchen liegt etwa 30 Kilometer landeinwärts von Viana do Castelo. Statt Sehenswürdigkeiten abzuklappern, kann ich hier ganz entspannt durch die historischen Gassen schlendern, das charmante Flair des kleinen Städtchens auf mich wirken lassen und den Kajakfahrern auf dem Lima zuschauen. Ein perfekter Abschluss für meine kleine Land-Auszeit im wunderschönen, grünen Norden Portugals.
Noch fünf Tipps zum Schluss:
- In Viana do Castelo und in Ponte de Lima habe ich mir über Nannybag und Stasher jeweils eine Gepäckaufbewahrung gebucht. So konnte ich beide Städtchen am Anfang und am Ende meiner Reise ganz unbeschwert erkunden.
- Die Unterkünfte der Quinta verfügen alle über eine Kochgelegenheit. Wer zum Kochen keine Lust hat, findet in der Nähe einige gute Restaurants – allerdings empfiehlt sich in dem Fall ein Mietwagen.
- Im näheren Umfeld der Quinta findet ihr verschiedene Wanderwege, und auch die portugiesischen Jakobswege – der Camino Portugues Central und der Camino Portugues da Costa – sind nicht weit entfernt.
- Der nächste Strand ist nur 15 Autominuten von der Quinta entfernt
- Wem die Städtchen Viana do Castelo und Ponte de Lima nicht genug sind – in nur ca. 50 Autominuten seid ihr von hier aus in Braga oder Porto.
Mehr Infos Zur Quinta da Bouça d’Arques
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© Fotos: Ina Hiester
Ina Hiester
Ina ist digitale Nomadin und reist zu Wasser und zu Lande durch Europa. Dabei hält die Journalistin stets Ausschau nach besonderen Orten für Good Travel, philosophiert in ihrer Kolumne über das Reisen, fotografiert, musiziert und schreibt Artikel zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen aller Art.



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