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Franz-Kostner-Hütte in den Dolomiten im warmen Abendlicht vor dunkler Felswand der Sellagruppe, historisches Steingebäude mit Holzläden und Veranda

Arbeiten am Berg: Ein Südtiroler Hüttenwirt erzählt

Auf 2.550 Metern Höhe beginnt der Tag früh. Noch bevor die Sonne über die Gipfel der Sellagruppe in den Dolomiten steigt, läuft auf der Franz-Kostner-Hütte bereits der Betrieb. Manuel Agreiter führt sie seit 38 Jahren. „Ich bin ein echter Bergmensch“, sagt er. Good Travel Autorin Nadine hat er von seinem Arbeitsalltag erzählt und davon, wie sich die Hütte, ihre Gäste und auch die Berge in den letzten 40 Jahren verändert haben.

Porträt von Manuel Agreiter als Bergführer mit blauem Kletterseil über der Schulter, roter Jacke mit Alta Badia Guides-Patch, vor bewölktem Dolomitenhimmel

Ein früher Einstieg ins Leben am Berg

Schon mit 18 Jahren begann Manuel Agereiter als Schilehrer, später wurde er Bergführer, heute arbeitet er zudem als Flugretter bei Aiut Alpin Dolomites. Die Berge sind für ihn aber kein Arbeitsort im klassischen Sinn, viel eher Lebensmittelpunkt. Als er die Anfrage bekam, die Franz-Kostner-Hütte zu übernehmen, war er gerade einmal 22 Jahre alt. Die Hütte war zu diesem Zeitpunkt frisch wieder aufgebaut worden, nach einer langen Geschichte, die bis ins Jahr 1914 zurückreicht. Damals wurde ein erster Bauversuch gestartet, der jedoch durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen wurde. Jahrzehnte später wurde die Hütte von Erich Kostner (Sohn von Franz Kostner) neu errichtet und wieder in Betrieb genommen.

Manuel erinnert sich noch gut an seine anfängliche Unsicherheit. „Ich wusste nicht, ob ich der richtige Typ bin, um diese Hütte zu führen“, sagt er. Trotzdem entschied er sich am Ende dafür. 1988 begann seine Arbeit dort, zunächst nur für wenige Wochen im Sommer. „Wir haben damals im August aufgemacht, für einen Monat ungefähr“, erzählt er. Viel Betrieb gab es damals nicht. „Ich war oft alleine oben, es war ganz ruhig. Hier und da übernachtete mal jemand.“

Detailaufnahme des Rifugio-Franz-Kostner-Vallon-Patches auf der Patagonia-Fleecejacke von Hüttenwirt Manuel Agreiter in den Dolomiten

Ein klarer, intensiver Alltag

Heute ist das anders. Der Tagesablauf auf der Hütte folgt einem festen Rhythmus. „Um fünf, halb sechs stehen wir auf“, erzählt Manuel. Danach beginnt sofort die Arbeit: Um sieben sind die ersten Übernachtungsgäste zum Frühstück da, um neun oder halb zehn kommen die Tagesgäste und danach läuft der Betrieb fast durchgehend weiter – Mittagessen, kurze Pause am Nachmittag, Abendservice.

„Um zehn am Abend ist dann Ruhe“, sagt der Südtiroler Hüttenwirt. „Und am nächsten Tag geht es wieder von vorne los.“ Eine richtige Pause gibt es während der Saison kaum. „Sowas wie Sonn- oder Feiertag existiert für uns eigentlich nicht. Wir sind den ganzen Sommer da.“ Die Saison selbst dauert heute von etwa Mitte Juni bis Anfang Oktober. Früher war sie kürzer und stärker auf den Hochsommer konzentriert, heute zieht sie sich länger, bei gleichzeitig gestiegenem Aufwand.

Franz-Kostner-Hütte in den Dolomiten im warmen Abendlicht vor dunkler Felswand der Sellagruppe, historisches Steingebäude mit Holzläden und Veranda

Leben auf engem Raum

Die Hütte ist ein Familienbetrieb und das bedeutet vor allem eines: Nähe. „Es ist ein bisschen wie auf einem Boot“, beschreibt es Manuel. „Man muss sich erst daran gewöhnen.“ Er lebt dort im Sommer mit seiner Frau Cristina und seinem Sohn Matteo, dazu kommen Mitarbeitende, die in denselben engen Strukturen arbeiten. Wichtig sei, dass alle wissen, wie der Betrieb funktioniert. „Man muss am Anfang jeder Saison genau erklären, wie alles läuft, dann läuft es auch gut.“ Gleichzeitig brauche es eine gewisse Lockerheit im Umgang: „Wenn jemand eine Cola oder einen Tee will, soll er/sie sich das einfach nehmen.“ Vertrauen und ein gutes Verhältnis zwischen allen, die hier arbeiten da sein, ist ein Muss.

Wasser als ständiger Unsicherheitsfaktor

So gut, wie die Zusammenarbeit auch funktioniert, gibt es natürlich auch die ein oder andere Hürde auf der Hütte. Bis heute ist Wasser eines der zentralen Themen geblieben. „Ohne Wasser geht hier oben nichts“, sagt Manuel klar. Die Hütte ist auf eine rund 1.500 Meter lange Wasserleitung angewiesen, die von Schneeschmelze gespeist wird. Wenn der Schnee fehlt, wird die Versorgung unsicher. „Früher war das weniger ein Problem. Heute wird es jedes Jahr schwieriger.“ Besonders dieses Jahr sei die Situation auffällig: „So wenig Schnee wie heuer habe ich in 38 Jahren noch nie erlebt.“ Auch die restliche Vorbereitung der Saison ist aufwendig. „Alles, was wir hier auf der Hütte brauchen, wird mit dem Hubschrauber hochgeflogen“, erklärt er. 30 bis 40 Flüge sind nötig, um die Hütte vor der Saison zu versorgen. „Als Gast bekommt man hier oben einfach etwas zu essen und zu trinken, ohne das groß zu hinterfragen. Es steckt aber sehr viel Arbeit dahinter.“

Franz-Kostner-Hütte auf felsigem Hochplateau in den Dolomiten mit Wanderweg, Fahnen und Blick auf die schneebedeckte Marmolada unter bewölktem Himmel

Andere Gäste, andere Erwartungen

Stichwort Gäste: Auch die haben sich im Laufe der Jahrzehnte stark verändert. „Früher waren es hauptsächlich Italiener:innen und Deutsche“, sagt Manuel. Heute sei die Hütte deutlich internationaler geprägt: Amerikaner, Japaner, Koreaner – die Mischung ist vielfältiger geworden, aber auch anspruchsvoller. „Früher war es hier sehr einfach“, erinnert Manuel sich. „Heute wollen die Leute mehr Auswahl, gutes Essen, bessere Weine.“ Aus dem einfachen Hüttenbetrieb sei über die Jahre etwas geworden, das deutlich mehr Service und Qualität verlangt. „Es ist fast ein bisschen luxuriös geworden“, lacht er. 

Was es hier oben nach all den Jahren immer noch nicht gibt: WLAN. Viele Gäste würden direkt bei ihrer Ankunft danach fragen, Manuels Antwort ist immer dieselbe: „Die Natur ist das Passwort.“ Denn oft reicht schon eine kurze Zeit ohne digitale Ablenkung, um den Blick zu verändern, findet er. „Man soll hier oben lieber die Landschaft anschauen statt auf den Bildschirm.“

Ein Leben im Rhythmus der Berge

Oben am Berg ist vieles anders als unten im Tal. „Man hat hier keine große Kommunikation, kein Auto, keine Stadt, kein Fernsehen, kein normales soziales Leben“, sagt Manuel. Trotzdem ist es für ihn kein Verzicht. „Wenn ich im Sommer nicht mehr hier oben wäre, wäre das für mich komisch.“ Er beschreibt das Leben am Berg als etwas, das sich nicht groß erklären muss: „Man muss einfach ein Bergmensch sein. Dann ist das Leben hier oben kein Problem.“ Es ist ein Leben, das sich über die Jahre eingespielt hat. „Vier Monate oben, dann wieder runter ins Tal. Dieser Rhythmus ist wichtig.“ Manuel sieht für seine Zeit auf der Hütte noch kein Ende kommen. „So ist das Leben.“ Mehr sagt er dazu nicht und um ehrlich zu sein, reicht das auch völlig.

Luftaufnahme der Franz-Kostner-Hütte auf 2.550 Metern in den Dolomiten bei Sonnenaufgang, umgeben von einem weißen Wolkenmeer mit Bergspitzen am Horizont

 © Fotos: Matteo Agreiter

Nadine ist freiberufliche Redakteurin und Texterin. Sie lebt in Österreich und pendelt zwischen Salzburg und Wien. Sie ist somit entweder in den Bergen oder im Großstadtdschungel unterwegs, versucht aber gleichzeitig, so viel Zeit wie möglich in ihrem Herzensland Portugal zu verbringen.

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