Zwischen Palmen und Pilgerwegen – Das Ottmangut und Zum Hirschen
Es gibt Häuser, die mehr sind als ein Ort zum Übernachten. Häuser, die Geschichten tragen, die sich Zeit nehmen; für ihre Architektur, ihre Umgebung, ihre Gäste. Die Historic South Tyrol Hotels, Ottmangut und Zum Hirschen, gehören genau in diese Kategorie: historische Gasthäuser, Pensionen und Hotels, deren Ursprünge teils bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen und die bis heute von Familien geführt werden. Orte, an denen Vergangenheit nicht konserviert, sondern weitergetragen und mit großer Sorgfalt in die Gegenwart übersetzt wurde. Keine standardisierten Konzepte, vielmehr individuelle Handschriften, immer mit einem spürbaren Bewusstsein für ihre Herkunft, nachwachsende Materialien und die eigene Kultur. Zwei dieser Häuser durfte ich im Frühling besuchen: das Ottmanngut in Meran und Zum Hirschen in den Bergen. Zwei Orte, die auf ihre Weise zeigen, wie vielfältig Südtirol sich anfühlen kann und dabei dieselbe Tiefe teilen.
Ottmanngut: Leichtigkeit zwischen Palmen
Schon beim Ankommen im Ottmanngut entsteht dieses leise Gefühl, dass hier etwas anders ist. Vielleicht liegt es an den Palmen im Garten, die sich wie selbstverständlich in den Himmel strecken. An den Zypressen und Zitrusbäumen, an den stillen Schattenplätzen dazwischen. Vielleicht an der Ruhe, die sich trotz der Nähe zur Stadt sofort einstellt. Oder an den drei Schildkröten, die gemächlich durch das Grün wandern, als hätten sie alle Zeit der Welt. Das Ottmanngut versteht sich als „Suite & Breakfast“, nicht als klassisches Hotel. Hier geht es weniger um ein Angebot als um ein Gefühl, darum, die Zeit nicht füllen zu müssen.
Das Haus selbst trägt seine Geschichte ganz selbstverständlich. Es gehört zu den ältesten in Meran, erstmals im 13. Jahrhundert erwähnt, seit dem 19. Jahrhundert in Familienbesitz. Heute wird es in sechster Generation liebevoll und detailgetreu von Martin Kirchlechner (mit Familie und Team) geführt; und genau das spürt man.
Eintauchen in eine vergangene Zeit
Die elf Zimmer sind individuell, oft mit Möbeln aus dem Familienbestand, mit Spuren aus verschiedenen Zeiten. Alte Holzböden, Stoffe, Farben; jedes Detail wirkt, als hätte es sich selbst ergeben. Ich habe im Zimmer „Vefi“ übernachtet, einem Raum mit eigener kleiner Geschichte: Direkt neben dem Zimmer der Oma gelegen, erinnern beide zusammen an eine frühere Frauenkonstellation im Haus – fast wie eine kleine WG von damals. Der Blick aus dem Fenster fällt ins Grün der Palmen, als wäre die Stadt weit weg.
Und doch ist sie nahe: Der Stadtkern von Meran ist nur ein paar Schritte entfernt. Vom Ottmanngut aus lässt sich alles ganz wunderbar zu Fuß entdecken: durch kleine Läden schlendern, nachhaltige Mode bei Kauri entdecken, etwa in den ruhigeren Seitenstraßen, oder im Monocle Shop Merano vorbeischauen. Einkehren kann man lecker im Meteo oder im Gigis. Für Bewegung bietet sich der Tappeinerweg an – ein Spazierweg mit Blick über die Stadt, der sich besonders im Frühling fast unwirklich schön anfühlt.
Zurück im Haus beginnt der Tag immer mit einem kleinen Ritual. Das Frühstück ist kein Buffet, sondern ein besonderes, komponiertes Drei-Gänge-Menü, das jeden Morgen aufs Neue überrascht. Es wird serviert am Tisch, bei Sonnenstrahlen draußen unter den Palmen. Regional, saisonal, ruhig.
Der Speisesaal erzeugt überhaupt ein so wohliges Gefühl, sodass man sich gut und gerne mehrere Stunden dort aufhält. Dazu der Wintergarten, in dem regelmäßig Kunstprojekte unter dem Projektnamen “Plakatiert” gezeigt werden: Poster, Perspektiven, Ideen – ein Raum, der sich immer wieder verändert und trotzdem gleich einladend bleibt.
In einem Radius von wenigen Kilometern eröffnen sich unzählige Möglichkeiten, um abends einzukehren oder bei Regen einen Spa-Nachmittag zu buchen. Dafür empfehle ich gerne zwei andere Good Travel Unterkünfte: Im 1477 Reichhalter in Lana kann man ein köstliches Dinner genießen und zuvor in der VillaVerde im Naturpool schwimmen und in verschiedenen Saunen schwitzen. Lohnt sich beides.
Das Ottmanngut ist ein Ort zwischen zwei Welten: Rückzug und Stadt, Geschichte und Gegenwart. Und das gelingt hier auf eine ganz gelungene Weise, mediterran, wohlig und mit der Klarheit Südtirols verbunden. Vielleicht ist es genau das, was den Aufenthalt so besonders macht – diese Mischung aus Zurückhaltung und Haltung.
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Zum Hirschen – Reduktion als Haltung
Eine knappe Stunde von Meran entfernt verändert sich die Landschaft – und mit ihr das Tempo. In Unsere Liebe Frau im Walde liegt die Unterkunft Zum Hirschen, eingebettet in eine Umgebung, die sofort erdet.
Das Haus war über Jahrhunderte hinweg ein Ort für Durchreisende: Pilger, Sommerfrischler, später auch Motorradfahrende. Ein klassisches Dorfgasthaus und gleichzeitig schon immer ein Ort des Ankommens. Seine Ursprünge reichen bis ins Mittelalter zurück. Einst eine Herberge für Pilger, später ein „Leutehaus“, ein Treffpunkt für das Dorfleben. Die Familie Kofler-Mocatti, die heute das Haus führt, hat den Ursprung dieses Ortes nicht einfach renoviert, sondern übersetzt.
Das Haus erzählt eine Geschichte von Transformation. Vor rund acht Jahren wurde aus dem traditionellen Gasthaus ein Ort, der sich bewusst vom klassischen Hotelbegriff entfernt. Was sofort auffällt: Hier wird bewusst weggelassen. Kein Überfluss, keine Ablenkung. Kein Fernseher, reduziertes WLAN, stattdessen Räume, die wieder spürbar machen, was oft verloren geht: Stille, Materialität, Zeit. Der Zum Hirschen versteht sich als Ort für Menschen, die nicht nur Urlaub machen wollen, sondern etwas suchen. Vielleicht nicht konkret, aber spürbar. Die Gastgeberfamilie rund um Mirko Mocatti hat hier etwas geschaffen, das Tradition und zeitgenössische Architektur miteinander verbindet – mit einer Konsequenz, die man in jedem Detail spürt. Nichts wirkt zufällig, nichts überladen. Stattdessen erkennt man hier immer wieder Klarheit, gekonnte Reduktion und ein feines Gespür.
Klare, schlichte Architektur
Die Architektur folgt dabei einer klaren Idee: reduzieren, um Bedeutung zu schaffen. Angelehnt an eine fast bauhausartige Haltung wird alles Überflüssige weggelassen. Übrig bleiben Materialien, Farben, Haptiken – Lärche, Fichte, Birke, Naturstein, und Töne wie Löwenzahn-Gelb, Wald-Petrol oder ein tiefes Kaminrot. Die Zimmer greifen verschiedene Epochen des Hauses auf: vom einfachen Pilgerraum bis zur heutigen Interpretation von Offenheit und Licht. Besonders eindrücklich ist der Gedanke, der sich durch alles zieht: das Haus als Kraftort. Die Nähe zur Wallfahrtskirche, der eigene Meditationsweg im Garten, die Idee, dass Gastfreundschaft mehr sein kann als Service.
Auch kulinarisch folgt das Haus einer klaren Philosophie. Die Küche des CERVO Restaurants – geleitet von Ingrid und Team – orientiert sich an den Lehren von Hildegard von Bingen, verbindet Kräuterwissen mit regionalen Produkten und einer bewussten Haltung: Essen als Teil eines größeren Zusammenhangs. Während meines Aufenthalts fanden zum 30. Mal die Löwenzahnwochen statt – ein Konzept, das aus einer einfachen Pflanze ein ganzes Menü entwickelt, inklusive Aperitif, Löwenzahn-Spritz oder Löwenzahn-Gin Tonic. Von der Blüte bis zur Wurzel wurden Gerichte wie hausgemachte Löwenzahn-Tortelloni, eine Löwenzahn-Berg-Blütenschausuppe mit Gewürztraminer oder ein luftiges Soufflé mit Sellerie auf Löwenzahncreme geboten. Sogar ein Kräuterpfarrer war zu Besuch, was dem Ganzen eine fast poetisch-transdenzente Tiefe verlieh.
Der Abend beginnt mit einem kleinen Elixier, wie ein stilles Ritual. Was früher das Tischgebet war, ein Moment zum Innehalten und dankbar sein, ist heute im Zum Hirschen ein kleiner, warmer Trunk. Dann beginnt das Festmahl: mehrere fein abgestimmte Gänge – meist zwischen fünf und sieben – werden nach und nach von Edith serviert, welche die gute Seele des Zum Hirschen ist.
Sie ist im Gebäude geboren, aufgewachsen und ist selbst im Rentenalter noch eifrig bei allen Tätigkeiten dabei. Zum köstlichen Menü serviert sie Weine, aber auch Kräutertees als Verdauungsmischung oder hochprozentige Bergessenzen.
Das Frühstück folgt demselben Prinzip: eine sorgfältige Auswahl aus Süßem, Herzhaften und Gesundem, die den Tag ruhig beginnen lässt. Ganz im Sinne des Slow Food Prinzips werden die fünf Frühstücksgänge peu à peu und bewusst langsam serviert. Vom Grießpudding (mit Löwenzahnhonig) bis hin zum Freilandei-Speisen und einer zusätzlichen Auswahl an Wurst- und Käsesorten bleiben hier keine Wünsche offen. Viele Produkte kommen aus der direkten Umgebung. Das Brot etwa wird u.a. im Dorf selbst gebacken – ein kleiner Kreislauf, der zeigt, wie eng hier alles miteinander verbunden ist.
Tagsüber zieht es einen hinaus, denn rund um den Hausberg, dem Nonsberg, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, stundenlang unterwegs zu sein und etliche Höhenmeter zu erklimmen. Eine gemütliche Wanderung führte zum ruhigen Felixer Weiher, von dort ging es für mich weiter zu einem Wasserfall, den ich von unten erklommen habe. Zurück im Hotel war es Zeit für den ein oder anderen Saunagang, je nach Tag gibt es eine finnische oder eine Bio-Heusauna, ruhig und fast privat. Ausruhen kann man sich toll auf der Terrasse.
Was bleibt, ist hier das Gesamtgefühl. Dass hier jemand sehr genau darüber nachgedacht hat, was ein Aufenthalt heute bedeuten kann. Und auch den Mut hat, Dinge bewusst anders zu machen. Vielleicht ist genau das der eigentliche Luxus: nicht alles anbieten zu wollen, sondern das Richtige. Was den Zum Hirschen besonders macht, ist die Art, wie auf Gäste eingegangen wird. Man fühlt sich gesehen, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Willkommen, ohne viele Worte.
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Zwei Orte, die bleiben
Das Ottmanngut und Zum Hirschen könnten kaum unterschiedlicher sein – und genau darin liegt ihr gemeinsamer Reiz. Das eine öffnet sich zur pulsierenden Stadt, zu einem fast mediterranen Lebensgefühl. Das andere zieht sich zurück in die Stille, in die Tiefe der Berge. Und doch verbindet sie etwas: das Bewusstsein für Geschichte und der Wunsch, Räume zu schaffen, die mehr sind als nur eine Unterkunft. Es bleibt das Gefühl, an zwei Orten gewesen zu sein, die nicht nur schön sind, sondern etwas in Bewegung bringen. Gleichzeitig dürfen sich die Gäste hier entschleunigen, werden inspiriert und erhalten wieder ein neues Verständnis für Materialien und hochwertiges Essen. Dieser gelungene Mix aus Alt und Neu, bewusst gedachter Kulinarik und besonderer Architektur machen die Historic South Tyrol Hotels so besonders.
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© Fotos: Cécile Meier
Cécile Meier
Cécile ist freie Autorin und Nachhaltigkeitsstrategin. Sie genießt das Reisen in vollen Zügen: Verschiedene Kulturen kennenzulernen, anderen Sprachen zu lauschen und dabei entweder am Meer oder in einer (Groß-)Stadt Neues zu entdecken, fasziniert sie immer wieder. Besonders liegen ihr die Geschichten und Intentionen der Good Travel Gastgeber:innen am Herzen.



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