Pionierinnen des Reisens
Das Reisen hat mich schon als Kind tief beeindruckt. Wenn sich Landschaften, Sprachen, Farben, Gerüche und Temperaturen verändern, sind meine Sinne geschärft – und ich fühle mich lebendig. Und doch sind Reisen heute meist weniger abenteuerlich als früher. Wir haben die Geschichten besonders mutiger Reise-Pionierinnen zusammengestellt, für die das Unterwegssein noch ein echtes Wagnis war – und zugleich ein Akt der Selbstermächtigung.
Die erste Frau, die die Welt umrundete:
Nellie Bly
Die Amerikanerin Elizabeth Jane Cochran war das dritte von fünf Kindern und wuchs in eher armen Verhältnissen auf. 1884 antwortete sie mit einem Leserbrief auf eine frauenfeindliche Kolumne im Pittsburgh Dispatch. Darin forderte sie mehr Chancen für Frauen, die ihre Familien selbst finanzieren müssen. Postwendend erhielt sie eine Anstellung bei der Zeitung und schrieb fortan unter dem Pseudonym Nellie Bly.
1889 sollte sie für eine Zeitung die Reise aus Jules Vernes Klassiker In 80 Tagen um die Welt nachahmen. Sie reiste über England, Italien, das heutige Sri Lanka, Hongkong, China und Japan nach San Francisco – einmal um die Welt. Zeitgleich startete Elizabeth Bisland, eine weitere Reise-Pionierin, für die Zeitschrift Cosmopolitan ebenfalls zur Weltumrundung. Es war ein Wettrennen der Frauen, das Nellie Bly nach nur 72 Tagen als erste alleinreisende Frau erfolgreich beendete.
Die erste Frau, die die Welt umflog:
Amelia Earhart
Amelia Mary Earhart war eine US-amerikanische Flugpionierin, die schon als Kind die vorherrschenden Rollenmuster ablehnte. Sie mochte Hosen lieber als Röcke, kletterte auf Bäume und durfte mit Anfang zwanzig das erste Mal in einem Flugzeug mitfliegen. Es war um sie geschehen. Um sich ihren Traum vom Fliegen zu finanzieren, nahm sie jahrelang jeden Hilfsjob an, den sie bekommen konnte, und erlangte schließlich als Pilotin Weltruhm.
1932 überquerte sie allein den Atlantik. 1935 folgten Flüge von Honolulu nach Kalifornien und von Mexiko-Stadt nach Newark. Sie trat dem heute noch existierenden Pilotinnen-Club „Ninety-Nines” bei, der sich für die Rechte von Pilotinnen einsetzt. Schrittweise erkämpften sich die Frauen die Zulassung in allen Arbeitsbereichen. Erst seit den siebziger Jahren gibt es übrigens Pilotinnen bei Linienfluggesellschaften.
1937 verschwand Amelia Earhart gemeinsam mit ihrem Navigator Fred Noonan spurlos bei dem Versuch, die Erde zu umfliegen. Bis heute ist ungeklärt, was passiert ist. 2009 kam ein Biopic von Regisseurin Mira Nair über Amelia Earhart, gespielt von Hilary Swank, in die Kinos.
Literaturtipp: María Isabel Sánchez Vegara, Amelia Earhart: Little People – Big Dreams.
Die erste Frau im Männer-Reiseclub:
Isabella Bird
Als Isabella Bird 1854 ihre erste große Reise antrat, galt sie als körperlich schwach und mental nervös. Die Ärzte empfahlen ihr Bewegung, frische Luft und einen Ortswechsel. Mit jedem Kilometer gewann sie an Kraft und Selbstbewusstsein. Sie reiste durch Nordamerika, Japan, Korea und das damalige Persien. In ihren Reiseberichten verband sie ihre genauen Beobachtungen mit literarischem Können.
1892 wurde sie als erste Frau in die Royal Geographical Society aufgenommen, einer bis heute bestehenden geographischen Gelehrtengesellschaft. Isabella Bird bewies, dass Reisen weit mehr sein können als Unterhaltung und Abenteuerlust: nämlich ein Akt der Selbstermächtigung.
Die Frau, die Grenzen überwand:
Alexandra David-Néel
Als die Französin Alexandra David-Néel 1924 heimlich und verkleidet nach Lhasa gelang, überschritt sie nicht nur die Grenzen Tibets, sondern auch die Grenzen dessen, was man Frauen zutraute. Sie war wohl eine charismatische Frau – Opernsängerin, Feministin und Buddhismus-Forscherin gleichzeitig.
Vierzehn Jahre lang reiste sie durch China, Indien, Nepal und Tibet. Sie lebte in Klöstern, lernte tibetische Dialekte und studierte Buddhismus. Während Europa noch kolonialistisch dachte, suchte sie echte Begegnungen und Erfahrungen. Ihre Sicht auf Kulturen und Menschen war für ihre Zeit außergewöhnlich modern.
Die erste Frau, die durchs Eis reiste:
Karen Darke
Karen Darke war eine aktive Läuferin und Bergsteigerin. Seit einem Sturz beim Klettern im Alter von nur 21 Jahren ist sie querschnittsgelähmt – und blieb sportlich. Sie gewann 2016 in Rio bei der Olympiade in der Handbike-Kategorie. Aber das war erst der Anfang ihrer Abenteuer. Sie war die erste Frau, die mit dem Handbike den Himalaya überquerte, mit dem Seekajak von Kanada nach Alaska paddelte und den mächtigen Berg El Capitan im Yosemite-Nationalpark erklomm. Karen Darke stellte auch einen Weltrekord auf für die weiteste Entfernung, die jemals per Sitzski zum Nordpol zurückgelegt wurde. Eine für mich unvorstellbare Leistung, von der eisigen Kälte mal ganz abgesehen.
“Ability is a state of mind, not a state of body” (Karen Darke)
Mehr Infos zu ihr, findet ihr hier:
Die Frau, die Länder sammelt:
Nina Sedano
Als “Die Ländersammlerin” – Titel ihres gleichnamigen Bestsellers – erlangte Nina Sedano Bekanntheit. 2017 war sie eine von insgesamt nur 15 Frauen weltweit, von denen öffentlich bekannt war, dass sie es geschafft haben, alle 193 Staaten der Vereinten Nationen bereist zu haben.
Die heute Sechzigjährige aus Frankfurt beschloss erst Mitte dreißig, Vielreisende zu werden. Sie schaffte dieses Ziel innerhalb von zehn Jahren. Weltweit haben es laut Schätzungen nur rund 500 Menschen geschafft. Nina Sedano besitzt laut Wikipedia elf vollständig abgestempelte Reisepässe. Unglaublich beeindruckend.
Fazit: Diese Frauen reisten nicht, um Sehenswürdigkeiten zu sammeln. Sie reisten, um sich Räume zu öffnen, die ihnen gesellschaftlich oder körperlich zunächst verwehrt waren. Heute können wir als Frauen viele Länder gut bereisen. Die Geschichten dieser Reise-Pionierinnen erinnern mich immer wieder daran, diese Freiheit mit großer Neugier und Dankbarkeit zu nutzen.
Fazit
Diese Frauen reisten nicht, um Sehenswürdigkeiten zu sammeln. Sie reisten, um sich Räume zu öffnen, die ihnen gesellschaftlich oder körperlich zunächst verwehrt waren. Heute können wir als Frauen viele Länder gut bereisen. Die Geschichten dieser Reise-Pionierinnen erinnern mich immer wieder daran, diese Freiheit mit großer Neugier und Dankbarkeit zu nutzen.
Hier gibt es weitere Literatur zu außergewöhnlichen Reise-Pionierinnen!
Hier geht es zu unserem Artikel über Solo Travel.
Fotos: H. J. Myers, photographer via Wikimedia Commons, Wikimedia Commons, Preus museum, CC BY 2.0 via Wikimedia Commons, Edel Adventure Verlag
Geraldine Voss
Geraldine arbeitet als freie Autorin für Good Travel und hat gerade eine Ausbildung zur Nachhaltigkeitsmanagerin absolviert. Nach zwanzig spannenden Jahren beim Film, widmet sie sich jetzt hauptberuflich ihren anderen Leidenschaften – Reisen, Essen und Design.
3 Comments
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Geraldine Voss
Liebe Elke, danke für den spannenden Hinweis! Ich habe sie nicht absichtlich weggelassen, sie war mir bis dato leider unbekannt. Ebenfalls eine beeindruckende Reise-Pionierin mit 13 Reise-Büchern, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Danke für diese Inspiration. Liebe Grüße, Geraldine
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Elke
Danke für Deine Antwort, liebe Geraldine. Dann freue ich mich, dass ich sie dir „vorstellen“ konnte. Herzliche Grüße zurück
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Elke Zapf
Danke für die tolle Zusammenstellung! Aber was ist mit Ida Pfeiffer? Meines Wissens gilt sie als die erste Weltreisende und die erste Reiseschriftstellerin. Habt Ihr sie aus einem bestimmten Grund weggelassen?