5 Orte: Früher war hier mal was anderes
Geht es Euch auch so, dass ihr manchmal gerne hören würdet, was Häuser zu erzählen haben? Ganz oft, wenn ich in alten oder umfunktionierten Gebäuden bin, würde ich am liebsten das Gemäuer fragen, was hier schon alles Lustiges oder Emotionales passiert ist. Frei nach dem Motto: Wenn diese Wände reden könnten. Wir haben für euch fünf Orte mit spannender Vergangenheit zusammengetragen, in denen ihr heute einen besonderen Urlaub machen könnt.
Wie wär’s mit einer Nacht in einer schwedischen Fischfabrik?
Lådfabriken heißt wörtlich „Fischkisten-Fabrik“ – die gleichnamige Unterkunft liegt auf einer wunderschönen Inselgruppe vor der schwedischen Westküste. Hier wurden früher Fischkisten und Boote aus Holz hergestellt. Heute kann man hier naturnah urlauben und das bunte Interieur macht sofort gute Laune. Natürlich spielt auch die ursprüngliche Nutzung des Gebäudes noch eine Rolle, einige Fischkisten dienen als bunter Stauraum.
Die Gastgeber Johan und Marcel haben das Haus eigenhändig umgebaut und machen auch sonst fast alles selbst. Abends kann man sich in der großen Wohnküche ganzjährig in familiärer Atmosphäre ein köstliches Drei-Gänge-Menü schmecken lassen. Die Gäste genießen das Menü an einem verrückt dekorierten Tisch. Weil sie Form, Farben und Dekoration mögen. Sie sind Mitglied von „Matvägen Bohuslan“, eine Initiative für alle die gerne kochen und essen. Aber, mit Lebensmitteln mit nachhaltigen Grundwerten in Bezug auf Umwelt und Rohstoffe. Und da schließt sich der Kreis – natürlich gibt es hier vor allem frischen Fisch!
Eine Auszeit unter Engeln
In einem Straßendorf in Brandenburg befindet sich das „MariaMaria“ ein geheimnisvolles Backsteingebäude, versteckt in einem parkähnlichen Anwesen. Ein Teil des großen Stallgebäudes wurde in den 20-er Jahren des letzten Jahrhunderts von einer Initiative katholischer, arbeitender Mädchen und Frauen, zu der katholischen Kapelle „Maria von den Engeln“ umgebaut. Inzwischen ist die Kirche entwidmet und die Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Die Eigentümern waren vor 15 Jahren sprachlos, als sie das Gebäude samt Kapelle entdeckt hatten, denn beim Betreten der Pfarrwohnung kann man direkt in die Kapelle blicken, was sehr überrascht und beeindruckt.
Nachhaltig und behutsam haben sie die Pfarrwohnung renoviert und mit stilvollen Details und ausgesuchtem Mobiliar, eine warme, gemütliche Atmosphäre geschaffen. Die große Wohnküche mit dem riesigen Fenster, in das man sich auf Fellen hineinlegen und in den Garten schauen kann, ist im MariaMaria der Lieblingsort aller Gäste.
Tritt man aus dem Kirchenportal erstreckt sich der Garten mit Feuerstelle zwischen Hengst- Stall und Scheunen- Ruine und ein altes verschnörkeltes Tor führt auf Felder und Wiesen hinaus in die Prignitz. Die am Wenigsten dicht besiedelte Gegend Deutschlands.
Wer also Natur sucht und sich wünscht, dass alle Sinne zur Ruhe kommen, ist mit Familie oder Freunden genau am richtigen Ort.
Früher war hier mal der Konsum – Urlaub im ehemaligen Supermarkt
Wenn dieses Haus reden könnte, hätte es sicherlich einige spannende Geschichten zu erzählen. Im Jahr 1879 wurde das Gutshaus Zarchlin erbaut. Nach dem zweiten Weltkrieg war es zunächst Sitz der russischen Militärverwaltung, dann das LPG-Büro, ein Kindergarten, ein Konsum-Supermarkt und es wurde zeitweise als Festsaal genutzt.
Vor ein paar Jahren haben Marianne und Daniel Krüger das Haus mit seiner großen Parkanlage gefunden und in ökologischer Bautradition saniert. Nach dem Motto „Denkmal trifft Zeitgeist“ wird die denkmalgeschützte Substanz behutsam renoviert und gleichzeitig mit modernem Komfort ausgestattet. Stilvolle Holzmöbel, aufgearbeitete Fachwerkbalken und die originalen Dielenfußböden schaffen Gemütlichkeit in den Ferienwohnungen. Dazu ergänzen Designlampen, Holzeinbauten von Architekt Daniel persönlich und individuelle Details das stilvolle Interieur.
Neben einem großen Saal und einem Seminarraum gibt es auch eine Gemeinschaftsküche, die allen Gästen zur Verfügung steht. Hier kann man gemeinsam essen und erzählen. Apropos erzählen – die Gastgeber führen ihre Gäste gerne herum und berichten von der bewegten Historie des Gebäudes – und das Haus hört weiter schweigend zu.
Hier ist man nie zu spät! Wohnen im alten Bahnhof in Österreich
Der alte Bahnhof von Lermoos entstand 1910 im Rahmen des Baus der Mittenwaldbahn. Er war ein wichtiger Teil einer der ersten elektrifizierten Zugstrecken Europas. Nach Jahren des Leerstands haben Cleo Weber und Johann Ehmann das Haus von der ÖBB erworben und über einen Zeitraum von vier Jahren umgebaut. Im Mai 2023 war schließlich die Eröffnung vom Lermooser – das natürlich immer noch direkt am Bahnhof liegt. Das klare Design verleiht den Räumen eine einzigartige Atmosphäre von Gemütlichkeit und Ruhe, während die alten Elemente wie Fußböden und Fenster den Charme vergangener Zeiten bewahren. Die großzügige Gemeinschaftsküche und der ehemalige Wartesaal sind für alle Gäste nutzbar. Hier kann man zusammen Kochen und Genießen – ganz ohne Verspätung.
Die Zeit vergeht hier wie im Fluge: Ein ehemaliger Tower in England
Im The Control Tower erwartet die Gäste ein einzigartiges Erlebnis in einem historischen Gebäude. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gelände als Flugleitzentrale genutzt. Heute besticht der Tower durch seine modernistische Architektur – liebevoll von den Gastgebern Nigel und Claire restauriert. Die Zimmer sind mit historischen Möbeln und Kunstwerken ausgestattet, die den Stil und die Eleganz der 1930er Jahre spiegeln. Im Treppenhaus wurden die Wände in ihrem ursprünglichen Zustand belassen und die polierte Betontreppe ist immer noch die gleiche. Großzügige Gemeinschaftsbereiche und neu genutzte Räume – wie der ehemalige Ruheraum für Fluglotsen – laden zum Verweilen ein. In der Umgebung gibt es wunderschöne Radstrecken. Ein lokaler Fahrradverleih liefert die Räder direkt zum Kontrollturm. Radeln ist ja sowieso viel ökologischer als Fliegen!
© Fotos: MariaMaria / Bernd Schönberger, Lådfabriken, Gutshaus Zarchlin, LERMOOSER / Franziska-Thalhammer, The Control Tower
Geraldine Voss
Geraldine arbeitet als freie Autorin für Good Travel und hat gerade eine Ausbildung zur Nachhaltigkeitsmanagerin absolviert. Nach zwanzig spannenden Jahren beim Film, widmet sie sich jetzt hauptberuflich ihren anderen Leidenschaften – Reisen, Essen und Design.



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