Herbststimmung über Bozen im Gasthof Kohlern
Als Wienerin mit permanentem Großstadt-Puls war ich sehr glücklich darüber, vor kurzem die Bergluft Südtirols zu schnuppern – und zwar im charmanten Gasthof Kohlern oberhalb von Bozen. Zwei Nächte habe ich dort verbracht und was soll ich sagen: Es war eine perfekte Auszeit mit allem, was man braucht – Aussicht, Ruhe, leuchtenden Herbstfarben, ausgiebigem Frühstücken und ganz viel Bergmagie.
Ankommen am Berg
Meine Begleitung und ich sind ausnahmsweise mit dem Auto angereist (normalerweise bin ich ja leidenschaftliche Zugreisende). Die Straße hinauf nach Kohlern ist kurvig, aber wunderschön. Die vielen Bäume entlang der Serpentinen sind herbstlich gefärbt, die Weinreben leuchten zu dieser Jahreszeit bereits knallgelb. Mit jedem Höhenmeter wird es stiller, die Luft klarer und die Aussicht weiter. Oben angekommen, stehen wir plötzlich mitten in dieser friedlichen Bergwelt.
Der Gasthof selbst liegt direkt am Berg, mit freier Sicht ins Tal. Direkt nebenan steht eine kleine, hübsche Kapelle, die ganz viel Charme versprüht. Einmal eingetreten, bekommt man sofort viel Holz, warme Farben und ein herzliches Hallo vom Team, dazu die frische Bergluft, die hereinströmt.
Ein Zimmer mit Aussicht
Wir dürfen das Refugium I beziehen. Dieses liegt im neuen Teil des Gasthofes – gedeckte und toll aufeinander abgestimmte Farben, liebevoll ausgesuchte Möbel und eine Aussicht, die man eigentlich als eigene Kategorie auf der Website anführen sollte. Vom großen Balkon aus kann ich direkt auf Bozen hinunterschauen. Abends, wenn die Stadtlichter aufleuchten und der Himmel in Rosa strahlt, stehe ich hier gleich die ein oder andere Minute länger.
Aber auch zu früher Stunde ist es wundervoll, wie ich direkt am nächsten Morgen feststelle. Ich öffne das Fenster, atme tief durch und schaue dabei zu, wie der Nebel langsam aus dem Tal aufsteigt. Kein Straßenlärm, nur Stille und dieser weite Blick – so fühlt sich Entschleunigung an, denke ich.
Genuss mit Tradition
Der Gasthof Kohlern ist ein Familienbetrieb mit langer Geschichte. 1870 im alpinen Jugendstil erbaut, war er früher ein Rückzugsort für die feinere Bozner Gesellschaft. Die Gastgeber Cristina und Josef Schrott führen den Familienbetrieb, der bereits seit den 1960er Jahren ein Sehnsuchtsort für Südtirol-Urlaubende ist, heute weiter.
Es ist alles sehr persönlich, unaufgeregt und ehrlich hier. Morgens gibt’s ein Frühstück mit regionalen Produkten: frisches Brot von einer lokalen Bäckerei für meine Begleitung, glutenfreie Brötchen für mich, hausgemachte Marmeladen sowie exzellenten Kaffee (wie könnte es anders sein in Italien). Abends serviert die Küche Südtiroler Klassiker mit einem modernen Twist. Als Naschkatze haben es mir besonders die Desserts angetan – Schokomousse mit Früchtespiegel und Halbgefrorenes mit Honig und Nüssen lasse ich mir gerne schmecken.
Meine erste Berührung mit Naturwein
Ein echtes Highlight ist auch unsere Weinverkostung an diesem Abend. Im Weinkeller des Gasthofs probieren wir in einer kleinen Runde gemeinsam einige Weiß- und Rotweine vom Weingut Pranzegg. Martin Gojer, der Winzer, kommt persönlich vorbei, erklärt seine Philosophie und führt uns durch die Verkostung.
Er und seine Familie bewirtschaften etwa vier Hektar steile Weinberge rund um den Bozner Talkessel biodynamisch, setzen auf alte heimische Rebsorten wie Vernatsch, Lagrein und Gewürztraminer, lesen alles von Hand und verzichten auf Filtration oder Schönung – dafür gibt’s jede Menge Geduld, Handarbeit und Charakter im Glas.
Für mich ist das Thema Naturwein komplett neu. Ich finde es aber unfassbar beeindruckend, wie lebendig und eigenwillig die Weine sind. Mein Favorit: „Caroline“, ein gemischter, weißer Satz, den Martin nach seiner Tochter benannt hat.
Ein kleiner Ausflug nach Bozen mit der Seilbahn
Am zweiten Tag unseres Aufenthaltes nehmen wir die Seilbahn runter nach Bozen – und später wieder hinauf. Sie ist ein kleines technisches Wunderwerk: Bereits 1908 eröffnete Gastwirt Josef Staffler die erste offiziell zugelassene Personen-Seilbahn der Welt, um seine Gäste bequem vom Tal nach Kohlern zu bringen. Heute schweben moderne Gondeln über die Baumwipfel und bieten uns ein traumhaftes Panorama auf Bozen und das Etschtal, während wir in wenigen Minuten einen Höhenunterschied von rund 800 Metern überwinden.
Unten in Bozen angekommen, bummeln wir gemütlich, stöbern durch die Lauben, genießen die Herbstsonne, die uns an diesem Tag beglückt und essen natürlich Pizza, denn daran führt da meiner Meinung nach kein Weg vorbei.
Abschied mit Aussicht
Der letzte Morgen. Wir sitzen beim Frühstück, die Sonne blinzelt über die Berggipfel und ich denke mir: „Das war genau das, was ich gebraucht habe, bevor jetzt der ganze Weihnachtstrubel losgeht.“ Zwei Tage über Bozen mit klarer Luft, feinem Essen, spannenden Begegnungen und dieser Ruhe, die man als Stadtmensch manchmal richtig vermisst. Und mit jedem Besuch in Südtirol verstehe ich auch mehr, warum die Leute hier so zufrieden wirken. Und warum es wahrscheinlich auch mich immer wieder hierher zieht.
© Fotos: Nadine Pinezits
Nadine Pinezits
Nadine ist freiberufliche Redakteurin und Texterin. Sie lebt in Österreich und pendelt zwischen Salzburg und Wien. Sie ist somit entweder in den Bergen oder im Großstadtdschungel unterwegs, versucht aber gleichzeitig, so viel Zeit wie möglich in ihrem Herzensland Portugal zu verbringen.



KOMMENTAR