INA WO(A)NDERS: Kann man Urlaubsgefühle einpflanzen?
Im September habe ich Großbritannien den Rücken gekehrt und bin zurück auf meine heißgeliebte iberische Halbinsel gesegelt. An einem stürmischen Nachmittag liegt unser Boot sicher in einem Hafen in Cangas, Galizien. Ich komme gerade vom Einkaufen zurück, setze mich ins Cockpit und zelebriere: eine Cherimoya. Diese zauberhafte Frucht habe ich vor fast zwanzig Jahren entdeckt und musste seitdem immer wieder an sie denken.
2007 war ich nach dem Abitur für drei Monate in Málaga, um Spanisch zu lernen. Aus dieser Zeit ist mir nicht nur die Sprache und das andalusische Lebensgefühl, sondern vor allem diese Frucht in Erinnerung geblieben. Von außen sieht sie ein bisschen aus wie eine Artischocke, der jemand die Spitzen abgeschliffen hat – oder wie ein Drachenei. Wenn man die Cherimoya aufschneidet, kommt ein weiches, cremiges, von großen schwarzen Kernen durchsetztes Fruchtfleisch zum Vorschein, das man am besten direkt aus der Schale löffelt. Es schmeckt süß wie ein Dessert, irgendwo zwischen Banane und Birne, und hat doch einen ganz eigenen Geschmack. Dass man die Kerne vorher behutsam rauspulen oder hinterher ausspucken muss, stört mich nicht. Im Gegenteil: es gehört dazu, zur Cherimoya-Zeremonie.
In drei Monaten Málaga verputzte ich eine Cherimoya nach der anderen. Schnell stand für mich fest: Diese Frucht wollte ich auch nach meiner Rückkehr nach Deutschland nicht missen. Allerdings sind Cherimoyas ziemlich empfindlich und vertragen lange Transportwege nicht besonders gut. Das erklärte wohl, warum ich sie in Deutschland noch nie gesehen hatte. Also brachte ich meinen Eltern ein paar Früchte mit. Meine Mutter ist passionierte Biogärtnerin und wir waren uns einig, dass man aus den vielen Kernen doch irgendetwas machen können müsste. Wenn es jemandem gelingen würde, eine Cherimoya in Deutschland großzuziehen, dann ihr.
Wir versuchten unser Glück
Und tatsächlich: Nach einigen Wochen zeigten sich die ersten zarten Pflänzchen, die wir begeistert gemeinsam hegten und pflegten. Fast wie liebgewonnene Austauschschüler saßen sie auf der Fensterbank im Esszimmer und waren bei jedem gemeinsamen Essen dabei. Wir sahen ihnen beim Wachsen zu und freuten uns über jedes neue Blatt. Bis sie eines Tages, ganz ohne Vorwarnung, eingingen. Einfach so.
Ein paar Jahre später entdeckte ich Cherimoyas in einem Bioladen. Ich konnte mein Glück kaum fassen und kaufte eine. Sie war sehr klein und steinhart. Ich wartete geduldig, dass sie reif wurde – und dann ging alles ganz schnell: Von einem Tag auf den anderen war sie matschig und ungenießbar. Seitdem habe diese Frucht nicht mehr gegessen. Bis heute.
Jetzt sitze ich hier im Cockpit. Draußen pfeift der Wind, und vor mir liegt eine reife Cherimoya. Ich schneide sie auf, löffle das cremige Fruchtfleisch heraus, passe auf, nicht auf einen der schwarzen Kerne zu beißen, und ich freue mich über jeden einzelnen Löffel. Ich muss an die Cherimoya-Pflänzchen auf unserer Fensterbank denken, an die drei Monate in Málaga und an meinen Versuch, ein kleines Stück Spanien mit nach Hause zu nehmen.
Das ist nicht ungewöhnlich – viele Menschen kaufen im Urlaub besondere Lebensmittel. Wir wollen etwas von dem Urlaubs-Gefühl bewahren, es über unseren Geschmacks- und Geruchssinn noch etwas verlängern. Dabei verreisen wir doch gerade deshalb, weil es anderswo eben anders ist als zu Hause. Kann man Urlaubsgefühle also einpflanzen? Man kann es versuchen – am besten schmecken sie dort, wo sie wachsen.
Löffel für Löffel.
Inas Kolumne findet ihr hier.
Fotos: Pexels / Nishantaneja, unsplash / Antony Hyson Seltran, Ina Hiester
Ina Hiester
Ina ist digitale Nomadin und reist zu Wasser und zu Lande durch Europa. Dabei hält die Journalistin stets Ausschau nach besonderen Orten für Good Travel, philosophiert in ihrer Kolumne über das Reisen, fotografiert, musiziert und schreibt Artikel zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen aller Art.



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