Nicht alles muss ein Foto sein
Ich stehe am Rand eines kleinen Marktes in Indonesien und beobachte eine Frau, die Obst verkauft. Es ist laut, irgendwo klappert Metall, Mopeds fahren vorbei. Sie sitzt auf einem niedrigen Hocker, vor sich ein paar Kisten, ordentlich sortiert. Die Früchte sind nicht perfekt, manche haben Druckstellen, andere sind noch leicht grün. Sie richtet sie immer wieder nach, während sie die Menschen beobachtet, die vorbeigehen.
Ich bleibe stehen und denke: Das wäre ein verdammt gutes Foto. Das Licht fällt schräg von der Seite, die Farben passen. Es ist die Art von Szene, die später bedeutungsvoll wirkt, obwohl sie es in dem Moment gar nicht ist. Meine Hand möchte instinktiv zur Kamera greifen, aber – wie so oft – lasse ich es. Ich mache kein Foto. Irgendetwas fühlt sich daran falsch an.
Wem gehört dieser Moment?
Diese Frau ist Teil dieser Straße. Ihr Alltag findet hier statt, egal ob ich da bin oder nicht. Ich merke, wie schnell aus der Lebensrealität anderer etwas wird, das für Außenstehende interessant oder ästhetisch wirkt. Gerade auf Reisen ist das eine Grenze, über die ich immer wieder nachdenke. Ich möchte nicht das Gefühl haben, dass ich fremde Lebenswelten, vor allem die von Menschen, die nicht dieselben Privilegien oder denselben Schutzraum haben wie ich, zu etwas mache, das am Ende vor allem für Aufmerksamkeit funktioniert.
Auf Reisen ist alles neu, vieles wirkt interessant, ungewöhnlich, manchmal auch „fotogen“. Situationen, an denen man vorbeigehen würde, wenn man dort lebt, werden plötzlich zu etwas, das festgehalten werden könnte. Ich sehe solche Bilder oft, Straßenfotografie, Reisefotos, dokumentarische Aufnahmen. Nah dran, spontan, ungefragt. Kinder beim Spielen, Menschen bei der Arbeit, Alltagsszenen aus anderen Orten. Viele dieser Bilder sind gut, das ist nicht der Punkt.
Ich glaube auch nicht, dass alle diese Fotos automatisch falsch sind. Fotografie konnte und kann Menschen einander näherbringen. Gerade früher waren Fotograf:innen oft die einzigen, die Einblicke in Orte oder Kulturen geliefert haben, die für viele Menschen sonst unsichtbar geblieben wären. Dokumentarfotografie kann wichtig sein, journalistische Arbeit sowieso. Auch Kriegsfotografie oder soziale Dokumentation erfüllen eine Funktion, die weit über Ästhetik hinausgeht.
Das Ungleichgewicht hinter und vor der Kamera
Was mich eher beschäftigt, ist die Art, wie sich das heute verändert hat. Viele Orte, Kulturen und Lebensrealitäten sind längst dokumentiert. Trotzdem wird weiterhin ständig produziert, gepostet und geteilt – oft nicht, um Verständnis oder Bewusstsein zu schaffen, sondern weil bestimmte Bilder Aufmerksamkeit bringen. Weil sie „echt“ wirken, emotional funktionieren oder sich gut auf Social Media machen. Und genau da beginnt für mich etwas zu kippen.
Ich komme als Reisende in einen Ort, den ich jederzeit wieder verlassen kann. Ich kann entscheiden, was ich festhalte, was ich zeige und wie ich es erzähle. Im besten Fall bekomme ich dafür positives Feedback und Anerkennung für ein gutes Bild. Wenn Fotografie Teil meines Berufs ist, kann daraus auch Geld werden. Die Menschen auf diesen Bildern haben diese Möglichkeit nicht. Sie haben oft keinen Einfluss darauf, ob sie fotografiert werden und noch weniger darauf, wo diese Bilder später landen oder in welchem Kontext sie auftauchen.
Dazu kommt, dass unsere Schutzräume sehr unterschiedlich sind. In manchen Kontexten wäre es kaum vorstellbar, fremde Kinder oder private Alltagssituationen ungefragt zu fotografieren und öffentlich zu teilen. In anderen wirkt genau das selbstverständlich und dass, obwohl die grundlegende Situation eigentlich die gleiche ist: jemand wird Teil eines Bildes, ohne gefragt worden zu sein. Genau diese Asymmetrie beschäftigt mich.
Wenn Einverständnis nur formal ist
Viele Street- und Reisefotograf:innen versichern, dass sie nach Erlaubnis fragen, bevor sie jemanden fotografieren. Wahrscheinlich ist das auch der naheliegendste und respektvollste Weg, damit umzugehen. Trotzdem bleibt bei mir eine Unsicherheit, ob das in der Praxis immer so eindeutig funktioniert. Ein kurzes Nachfragen löst ja nicht automatisch das Grundproblem.
Denn Einverständnis setzt auch voraus, dass beide Seiten verstehen, worum es eigentlich geht. Dass klar ist, was mit dem Bild passiert, wo es landen kann, wie es verwendet wird. Ich frage mich, wie gut dieses Verständnis immer gegeben ist, gerade wenn Menschen keine Berührungspunkte mit Medien haben, wenn sie die Plattformen nicht kennen oder wenn Sprache und Kontext fehlen. Ein Foto im Moment ist schnell gemacht, aber die Folgen davon liegen außerhalb dieses Moments.
Über das Nicht-Festhalten
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich meine Kamera in solchen Momenten oft unten lasse. Nicht, weil ich glaube, moralisch überlegen zu sein oder weil jede Form von Reisefotografie problematisch wäre. Sondern weil ich nicht möchte, dass andere Menschen unfreiwillig Teil meiner Selbstverwirklichung werden. Nicht für ein schönes Bild, nicht für Aufmerksamkeit auf Social Media und auch nicht fürs private Fotoalbum. Denn: Nicht alles, was man sieht, gehört einem. Und nicht alles, was sich gut erzählen oder gut zeigen lässt, sollte auch gezeigt werden.
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© Fotos: unsplash / Sonja Prein, Pexels / Elizaveta Dushechkina
Nadine Pinezits
Nadine ist freiberufliche Redakteurin und Texterin. Sie lebt in Österreich und pendelt zwischen Salzburg und Wien. Sie ist somit entweder in den Bergen oder im Großstadtdschungel unterwegs, versucht aber gleichzeitig, so viel Zeit wie möglich in ihrem Herzensland Portugal zu verbringen.



Kul Roka
This captures something many photographers feel but rarely talk about. Not every moment is meant to be turned into an image. Sometimes the most honest thing we can do is simply witness it without framing it through a lens. The scene already had meaning because you were present in it — the camera would only have changed the way you remembered it. Beautiful writing.