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Blue Mind

Blue Mind: Warum Wasser uns so guttut

Seit einigen Jahren lebe ich die meiste Zeit des Jahres auf einem Segelboot. Als digitale Nomadin habe ich meinen Alltag damit dorthin verlegt, wo andere Urlaub machen: aufs Wasser.

Zwischendurch kehre ich immer wieder für einige Wochen nach Deutschland zurück – und dabei passiert etwas, das ich mir lange nicht erklären konnte. Anfangs freue ich mich, Familie und Freunde wiederzusehen, mich von Mamas Kochkünsten verwöhnen zu lassen, Konferenzen und Messen zu besuchen und all die Dinge zu erledigen, die unterwegs liegen geblieben sind. Doch schon nach ein paar Tagen schleicht sich ein Gefühl ein, das ich nur schwer beschreiben kann. Es ist, als würde sich innerlich etwas zusammenziehen. Meine Gedanken werden lauter, die Sorgenfalte zwischen meinen Augen tiefer. Ich habe das Gefühl, dass mich alles ein bisschen mehr Kraft kostet. Termine, Erwartungen und Verpflichtungen und damit all das, was das Leben an Land ganz selbstverständlich mit sich bringt.

Zurück an Bord verschwindet dieses Gefühl nicht schlagartig. Aber irgendwann, meist ohne dass ich es bewusst bemerke, lässt es allmählich nach – als hätte jemand behutsam einen Knoten gelöst. Dabei sind die Termine, Erwartungen und Verpflichtungen immer noch da. Aber ich atme wieder tiefer, mein Blick wandert über den Horizont, statt an der nächsten Hauswand hängen zu bleiben. Liegt das nur daran, dass das Boot mein Zuhause geworden ist? Oder hat das Wasser selbst etwas damit zu tun?

Wasser verändert etwas in uns

Mit genau dieser Frage beschäftigte sich der 2024 verstorbene US-amerikanische Meeresbiologe Dr. Wallace J. Nichols. Seine Antwort fiel eindeutig aus: Ja – Wasser verändert etwas in uns. Es begleitet uns Menschen seit jeher, sichert unser Überleben, prägt unsere Landschaften und spielt eine zentrale Rolle in unserer Entwicklungsgeschichte. Für Nichols war es daher logisch, dass wir uns in Wassernähe besonders wohlfühlen. Den entspannten Geisteszustand, den viele Menschen am Wasser erleben, nannte er Blue Mind – auf Deutsch: „blaues Bewusstsein“. Über seine Erkenntnisse aus Neurowissenschaft, Evolutionsbiologie und Medizin hat er ein Buch geschrieben, das auf Deutsch beim S. Hirzel-Verlag erschienen ist.

Buch Blue Mind Theory von Meeresbiologe Wallace J. Nichols

Tatsächlich scheint Wasser gleich auf mehreren Ebenen auf uns zu wirken. Wie genau, lässt sich bislang nicht auf einen einzelnen Mechanismus reduzieren. Vielmehr scheint ein ganzes Bündel an Faktoren zusammenzuspielen: Der Anblick von Wasser, die Weite des Horizonts und die sanften Bewegungen von Wellen oder Strömungen ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich, ohne sie zu überfordern. Sie verändern sich zwar fortwährend, bleiben dabei aber vorhersehbar genug, um nicht ständig eine Reaktion von uns zu verlangen. Ähnlich wirkt das rhythmische Rauschen von Wellen oder das gleichmäßige Plätschern eines Baches oder Brunnens: Es kann andere Geräusche überdecken und unseren Fokus sanft auf sich ziehen. In der Umweltpsychologie wird dieser Zustand auch als „soft fascination“ beschrieben – ein Zustand sanfter, müheloser Aufmerksamkeit, der unsere geistigen Akkus wieder auflädt.

Meeresrauschen

Am Wasser können Gedanken freier fließen

Gleichzeitig bieten uns Seen und Meere etwas, das im Alltag selten geworden ist: visuelle Weite und vergleichsweise wenige konkurrierende Reize. Statt Verkehr, Bildschirmen, Werbung und Menschenmengen sehen wir Wasser, Himmel und Horizont. Dazu kommt, dass wir uns an Flüssen, Seen und Meeren oft mehr bewegen, Zeit an der frischen Luft verbringen und – zumindest im besten Fall – das Handy öfter links liegen lassen. All das kann Stress reduzieren, die Stimmung heben und unsere Gedanken freier fließen lassen. Unsere Sinne sind zwar beschäftigt, aber nicht überfordert; wir sind aufmerksam, ohne angestrengt zu sein.

Was uns guttut, sollten wir schützen

Wenn Meere, Seen und Flüsse mehr sind als nur schöne Kulissen für unseren Urlaub, wenn sie Orte sind, an denen wir zur Ruhe kommen, Kraft schöpfen und wieder klarer denken können, dann betrifft uns ihr Zustand auch ganz unmittelbar. Als Meeresbiologe und Naturschützer ist Nichols‘ Blue Mind Konzept deshalb nicht nur eine Einladung, öfter ans Wasser zu gehen, sondern auch ein Plädoyer dafür, unsere Gewässer besser zu schützen.

Häufig beginnt die Kommunikation rund um den Schutz unserer Meere, Flüsse und Seen mit schlechten Nachrichten: Plastikstrudel in den Ozeanen, ölverschmierte Strände, Fischsterben und Korallenbleiche, Mikroplastik im Wasser, überdüngte Seen, ausgetrocknete Flussbetten, zerstörte Feuchtgebiete oder Meerestiere, die sich in alten Fischernetzen verfangen. All das sind reale Probleme, über die wir sprechen müssen. Doch Nichols setzte noch einen anderen Gedanken dagegen: Vielleicht schützen wir Wasser nicht nur dann, wenn wir wissen, was wir zu verlieren drohen, sondern auch, wenn wir spüren, was es uns gibt. Wer erlebt, wie gut ein Spaziergang am Fluss, ein Sprung in den See oder der Blick aufs Meer tun kann, entwickelt vielleicht eine andere Beziehung zu dem lebensspendenden Elixier. Aus Aufmerksamkeit kann Wertschätzung entstehen, aus Wertschätzung Verbundenheit – und aus Verbundenheit im besten Fall der Wunsch, etwas zu bewahren.

Kostbares Wasser

Mein Fazit

Seit ich mich näher mit Blue Mind beschäftigt habe, beobachte ich meine eigene Reaktion auf Wasser bewusster. Vielleicht ist es also tatsächlich nicht nur das Gefühl, nach Hause zu kommen, wenn sich die Enge in mir an Bord langsam löst und die Sorgenfalte zwischen meinen Augen wieder flacher wird. Vielleicht ist es auch der Blick in die Weite, das leise Gluckern am Rumpf, die Bewegung des Bootes und dieses ständige, nie ganz gleiche Blau um mich herum. Eine eindeutige Erklärung gibt es dafür nicht – und vielleicht braucht es die auch gar nicht. Der Gedanke, dass Wasser etwas mit uns macht, verändert jedenfalls meinen Blick darauf. Das Beste an Nichols‘ Konzept ist für mich jedoch, dass sie so vielseitig anwendbar ist. Ihr müsst weder wie ich auf einem Segelboot leben noch auf den nächsten Urlaub warten, um ein bisschen mehr Blue Mind in euren Alltag zu bringen.

Sieben Quellen für ein blaueres Bewusstsein

Kein Meer vor der Haustür? Macht nichts. Auch kleine Begegnungen mit Wasser können helfen, kurz aus dem Alltagsmodus auszusteigen. Zehn Minuten genügen für ein kleines Blue-Mind-Experiment:

  • Wasser beobachten: Setz dich für zehn Minuten an einen Bach, Brunnen, Kanal oder See und beobachte einfach die Bewegung des Wassers – möglichst ohne nebenbei aufs Handy zu schauen.
  • Dem Wasser zuhören: Kopfhörer auf, Augen zu und für zehn Minuten dem Rauschen von Wellen, Regen oder einem plätschernden Bach lauschen.
  • Den Umweg am Wasser nehmen: Liegt ein Fluss, Kanal oder Teich in der Nähe? Geh zehn Minuten daran entlang und richte deine Aufmerksamkeit bewusst auf Lichtreflexe, Bewegungen und Geräusche.
  • Den Horizont suchen: Wenn du am Meer oder an einem größeren See bist, lass den Blick für einige Minuten bewusst in die Weite schweifen – ohne Fotos zu machen, Nachrichten zu lesen oder etwas „leisten“ zu müssen.
  • Wasser trinken – aber bewusst: Schenk dir ein Glas Wasser ein und mach für einen Moment nichts anderes. Spüre die Temperatur, nimm kleine Schlucke und beobachte, wie schnell du normalerweise selbst solche alltäglichen Handlungen nebenbei erledigst.
  • Duschen ohne Gedankenkarussell: Nutze die Dusche für zehn Minuten als kleine Wahrnehmungsübung: Wie klingt das Wasser? Wie fühlt es sich auf der Haut an? Was verändert sich, wenn du deine Aufmerksamkeit nicht auf den nächsten Termin, sondern auf den Moment richtest?
  • Blue Mind aus der Erinnerung: Schließ die Augen und ruf dir einen Ort am Wasser ins Gedächtnis, an dem du dich wohlgefühlt hast. Welche Geräusche waren da? Wie roch die Luft? Wie bewegte sich das Wasser?

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 © Fotos: unsplash / Mieke Campbell, S. Hirzel Verlag, Pexels / doci

Ina ist digitale Nomadin und reist zu Wasser und zu Lande durch Europa. Dabei hält die Journalistin stets Ausschau nach besonderen Orten für Good Travel, philosophiert in ihrer Kolumne über das Reisen, fotografiert, musiziert und schreibt Artikel zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen aller Art.

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