Eine Frau auf dem Weg

Opener Jakobsweg

Ein Gastbeitrag von Mona Moldovan

Ich treffe Stefanie virtuell an einem sonnigen Samstag. Wir kennen uns jetzt einige Monate, aber haben uns bislang noch nie persönlich getroffen. Ich finde von Anfang an, dass sie etwas ausstrahlt, das Menschen in ihren Bann zieht, auch mich. Ich selbst arbeite derzeit fast rund um die Uhr, um mein neu gegründetes Reiseunternehmen auf den Weg zu bringen. Aber wenn ich mit Stefanie rede, ist die Zeit wie vergessen.

Heute will ich ihre Geschichte hören und aufschreiben. Ich weiß zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass ich im Laufe des Gesprächs mehrfach Gänsehaut bekommen werde und mindestens zwei Mal mit den Tränen kämpfen muss.

Stefanies Geschichte

Nach dem Abitur steht Stefanie vor der Entscheidung, wie es für sie beruflich weiter gehen soll. Sie ist kreativ und kann gut malen, da das in ihrem Umfeld als „brotlose Kunst“ angesehen wird, studiert sie Grafikdesign. Nach dem Abschluss 2011 findet sie schnell eine Anstellung in einer coolen Werbeagentur, arbeitet viel, ist auf Partys gern gesehen, raucht viel und schläft wenig. „Es ging viel um Schein und Selbstoptimierung“ sagt sie nachdenklich und dreht eine lange Haarsträhne um den Finger. „Ich hatte sehr große Selbstzweifel. Auf der Suche nach dem Glück habe ich mich immer verglichen, was mir nicht gut getan hat. Ich hatte das Gefühl, ich drehe mich im Kreis“, gesteht sie. Schließlich ist es ihr Körper, der sie aufhorchen lässt: ständiges Unwohlsein, Erschöpfungszustände, Übelkeit, Schwächeanfälle und Nahrungsmittelallergien.

Bis sie an einem Morgen gut erholt aufwacht und zum ersten Mal seit langem keine Schmerzen hat. Ihrem damaligen Freund erzählt sie, wie gut es ihr geht, im Traum ist sie den Jakobsweg gelaufen (da habe ich zum ersten Mal Gänsehaut). Ihr Freund ist etwas ratlos, er hat vom Jakobsweg schon gehört, aber mehr nicht. Auch Stefanie hat bislang noch keine Idee davon, geschweige denn ist sie jemals gewandert.

Stefanie auf dem Jakobsweg

Zum ersten Mal auf dem Jakobsweg

Als sie beginnt zu googeln, ist es um sie geschehen: innerhalb von wenigen Tagen recherchiert sie alles über den Weg, dessen Bedeutung und die Ausrüstung (unter anderem erfährt sie auch, was der Unterschied zwischen einer Jeans und einer Wanderhose ist). Eine Woche später fragt sie ihren Freund, ob er denn mitkommen möchte. Er ahnt jedoch, dass dies ein Weg ist, den sie alleine gehen muss und lehnt ab. Am Flughafen Nürnberg übermannen sie Ängste. „Ich war bislang noch nie alleine gereist, geschweige denn tage- und wochenlang gewandert. Ich hatte große Angst, vor allem vor dem Alleinsein. Zur Ruhe kommen war damals für mich ein Fremdwort“ meint sie.

Trotzdem fliegt sie nach Bilbao und steht an einem brütend heißen Tag kurz vor Mittag in St.-Jean-Pied-de-Port. Es ist Mai und Hochsommer in Spanien. „Im Nachhinein würde ich nicht mehr im Mai den Camino Francès gehen. Zu voll, zu überlaufen. Aber damals wusste ich es nicht besser“. Der Mann am Schalter rät ihr ab, am selben Tag noch loszuwandern –, die Pyrenäen seien bei den Temperaturen erbarmungslos. „Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich das Gefühl hatte, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich wusste nicht, wohin mich das führen würde, aber es fühlte sich richtig an. Und ich wollte sofort los.“ Als sie das mit ruhiger Stimme erzählt, bekomme ich wieder Gänsehaut.

Damals im Pilgerbüro wird Gerda auf sie aufmerksam, eine andere Frau aus Österreich. Die zwei beschließen, sich gemeinsam auf den Weg zu machen, und zwar sofort. Sie wandern nur sieben Kilometer bis zur Herberge Orisson – der Beginn der Pyrenäen ist durch die stetig ansteigende Wegführung sehr anstrengend und Stefanie nach dieser ersten kleinen Etappe völlig erledigt. Es sind ihre ersten Pilgerkilometer, fast 800 weitere sollen folgen.

Mit anderen Menschen ins Gespräch kommen

In der mystischen Stimmung der Pyrenäen hat sie mit sich selbst und ihrem Körper viel zu kämpfen. Und dann passiert etwas, was ihr wie ein Wunder vorkommt: die Menschen auf dem Camino kommen mit ihr ins Gespräch. Sie laden sie ein, mit ihnen einen Kaffee zu trinken, oder ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen. „Es war so eine ganz andere Erfahrung als in der Werbeagentur. Ich war ungeschminkt, verschwitzt, ich selbst, und die Menschen haben mich trotzdem gemocht“, das passte nicht in ihr damaliges Selbstbild.

Es gibt gute und schlechte Tage, sie lernt dabei, was wirkliche Freundschaft heißt. Sie glaubt anfangs, die Menschen mögen sie, weil sie so fröhlich ist. Es kommt aber der Tag, an dem die Masken fallen, an dem sie weinen muss und sich fragt, wie sie um Himmels Willen auf die Idee kommen konnte, 800 Kilometer durch die spanische Pampa zu marschieren?!, „jeder weint irgendwann auf dem Camino“ sagt sie, und ich glaube ihr sofort. „Und immer kommen zur richtigen Zeit die richtigen Menschen entlang des Weges um dich zu unterstützen. Der Camino gibt dir alles, was du brauchst. Und manchmal ist das eine emotionale Tiefenreinigung“.

Der Camino – eine emotionale Tiefenreinigung

Man sagt, Menschen gehen auf den Camino um Gott zu suchen und sie finden sich. Oder sie gehen den Camino um sich selbst zu suchen und finden Gott. Stefanie findet von beidem etwas. Das Wertvollste was sie jedoch mit in ihr anderes Leben nimmt, ist das Vertrauen in sich selbst.

Durch Wälder wandern
Manche finden auf dem Camino zu Gott

In den darauffolgenden Jahren sollten weitere Reisen, auch auf dem Jakobsweg, folgen, auf denen Stefanie mehr über sich lernte und schließlich zu sich selbst fand. Was sie für sich in den letzten Jahren des Suchens, Verlierens und (Wieder-)findens gelernt hat, möchte sie nun mit anderen teilen. Dazu möchte sie ihre zwei großen Leidenschaften– einerseits den Jakobsweg und andererseits das Sein unter Frauen (und das Frausein) – verbinden. So entstand die Idee, begleitete Seminarreisen für Frauen auf Jakobswegen anzubieten.

Warum nur Frauen?

„Warum gerade nur Frauen?“ möchte ich zum Schluss noch wissen. „Ich möchte Frauen begleiten und unterstützen, die unsicher sind, so wie ich es früher war“ antwortet sie. Das sind sicher nicht nur Frauen, denke ich laut. „Ich habe es davor nicht wahrhaben wollen, aber es gibt sehr viele Frauen, die sich nicht trauen, sich alleine auf den Weg zu machen. Jede Frau ist einzigartig. Es geht um Weiblichkeit und Hingabe. In einer Gruppe von Frauen kann sich so viel Kraft entfalten. Es ist wichtig, dass Frauen lernen, sich nicht immer zu vergleichen und in Konkurrenz miteinander zu treten. Und dass sie sich lieben lernen und mehr an sich selbst glauben. Frauen können gemeinsam ihre Talente herausarbeiten und etwas Besonderes erleben, intensive Kontakte untereinander knüpfen, in einer Gesellschaft, in der wir uns noch sehr stark an Männern orientieren. Dabei möchte ich sie unterstützen“, antwortet sie. Wie Recht sie hat, denke ich.

Ende gut?

Es gibt einen Spruch, der besagt: Am Ende ist alles gut, und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende. Bei Stefanie ist das Ende der Abenteuer sicher noch nicht gekommen. Es ist aber gut und es wird immer besser. Sie begeistert und inspiriert mit ihren Vorträgen. Viele Frauen wollen mit ihr auf den Jakobsweg. In diesem Jahr begleitet sie Frauen nach Santiago, von München nach Kempten und Lindau, von Nürnberg nach Rothenburg und von Wittenberg nach Leipzig. Und danach – wer weiß, was noch kommt. Das Netz an Jakobswegen in Europa ist viele tausende Kilometer lang. Stefanie ist bislang etwa 4.500 Kilometer gegangen und es gibt noch einige Kilometer, die auf sie und andere Frauen warten.

Mona Moldovan von MOL Reisen

Mona Moldovan fasste im Juli 2018 den Entschluss, sich selbstständig zu machen, nachdem sie auf einer ganz gewöhnlichen Bank saß. Diese befand sich an einem der wunderschönsten Orte, die sie je gesehen hatte. Es war ein Ort ohne Straßen, den man nur zu Fuß oder zu Wasser erreichen kann. Diese besonderen Orte möchte sie anderen Menschen zeigen, und das auf möglichst nachhaltige Art und Weise. Ihr Reiseunternehmen MOL Reisen verbindet die Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens und steht gleichzeitig für Mut, Offenheit und Lernen. Noch dazu heißt „mol“ auf schwedisch / norwegisch „Ziel“. Ganz nach dem Motto „die Reise ist das Ziel“

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